Alles Amazon? Wozu das Fire taugt und wozu nicht

Das Fire von Amazon ist ein kleines, günstiges Gadget. Aber für wen lohnt sich ein Kauf und wer hat daran weniger Freude? Der Versuch einer kurzen Einordnung.

Aus einer Laune heraus habe ich mir kürzlich das (inzwischen gar nicht mehr so) neue Fire von Amazon gekauft. Der nachfolgende Bericht ist kein Testbericht, sondern ein Alltagstest. – persönlich, subjektiv, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Womöglich beantwortet er Manchen die Frage, ob sich so ein Impulskauf lohnt.

Vor Allem günstig

Amazons Fire in der absoluten Basiskonfiguration ist vor allem günstig. Mit 59,99 Euro ist man dabei. Dafür bekommt man die Variante mit acht GB internem Speicher, immerhin erweiterbar, und Werbung auf dem Sperrbildschirm. Die kann man bei Interesse später für einmalig 15 Euro wegschalten lassen.

amazon fire tablet
Das Tablet selbst kommt ohne große Extras, keine mobilen Daten, kein GPS, mit einem Lowend-Quadcore-Chip eher untermotorisiert, das 1.000 x 600 Pixel auflösende Display gemahnt an alte Netbook-Tage. Es zeigt sich, dass das Fire seine Stärken vor allem bei überzeugten Amazon-Kunden ausspielt.

Heute bestellt, morgen da

Primetypisch offeriert mir Amazon: Bestellen Sie in der nächsten Stunde, dann erhalten Sie die Lieferung schon morgen. Man muss die Effizienz dieser Logistik bewundern, besonders wenn man bedenkt, dass das Fire bereits voll personalisiert im Paket liegt. Das wiederum kennt man von den Fire TV-Einheiten.
Das Fire selbst ist schlicht und wirkt besonders durch den eingeprägten Amazon-Schriftzug auf der Rückseite ein wenig wie ein Spielzeug-Gadget.

Unwillkürlich steigen Assotiationen von Fire-Tablets in klebrigen Kinderhänden auf, ein Gedanke, der wohl auch schon Anderen gekommen ist. Ein Medienbericht über das neue Feature Freetime Unlimited sprach leicht kritisch von einem Elternersatz, und tatsächlich, daran könnte man denken, wenn man einen Blick in den App Shop wirft.

Einschalten und los

Wie gesagt: Das Fire kennt mich bereits vor dem Einschalten.

Dementsprechend ist das Einrichten ein echtes Highlight für Alle, die Out-of-the-Box-Readyness lieben. Der eigene Amazon-Account ist bereits vorkonfiguriert, der WLAN-Key des heimischen Netzwerks ist das Einzige, wonach es dem Fire verlangt. Die nächsten Bildschirme gestalten sich ähnlich wie bei Apple und Google:

Brechtigungen dies und jenes einzurichten werden abgefragt, vom Backup für Daten und Einstellungen über Ortungsdienste ist alles ziemlich üblich. Ich überlege kurz eine Familienbibliothek nebst individuellem Nutzerprofil für meine Freundin anzulegen, die dann und wann auf meine recht üppige Kindle-Bibliothek schielt, verwerfe es aber, denn anders als bei Apple und Spotify wirkt die Familienoption von Amazon auf mich leicht undurchsichtig.

Das Tutorial, das einem schließlich angeboten wird, ist ganz nützlich, denn so manche Eigenheit erschließt sich dem Neukäufer nicht auf den ersten Blick. Leider vergesse ich solche gezeigten Kniffe meist gleich wieder und muss dann doch rumprobieren.

Willkommen in der Cloud

Nach Ende von Setup und Tutorial erscheint der Fire-Launcher, eine Seite mit allen Amazon-Apps, Kindle, Video, Hörbücher und natürlich der Shop. Meine beiden aktuell von mir gelesenen Bücher blättern sich an meinen aktuellen Lesepositionen auf, meine zuletzt gesehenen Serienfolgen starten bei der vom iOS-Device bzw. Chrome am Mac verlassenen Abspielposition, selbiges bei Audible-Titeln, sehr beeindruckend.

Das Synchronisieren von Lesezeichen kennen Kindle, als auch Apples iBooks schon lange, doch scheint es, als habe Amazon dessen Robustheit seit meinem letzten Test mit iPhone und iPad noch etwas erhöht. Der Sync klappt stets zuverlässig, das wiederholte Rein- und Raus aus den jeweiligen Lese-Apps scheint der Vergangenheit anzugehören.

Im Alltagstest oder ein Tag im Bett

Ich wollte wissen, ob sich das Fire ohne jedes Rumgefrickel nahtlos in meinen Nutzungsalltag einfügen kann. Als ich neulich einen Tag frei hatte, beschloss ich also einfach im Bett zu bleiben und alles, was ich sonst mit anderen Devices gemacht hätte, mit dem Fire zu tun. Da ich ohnehin außer Bücher lesen und Serien schauen nicht viel auf dem Plan hatte, meisterte das Fire diesen ersten Teil der Challenge gänzlich erfolgreich.

Abends wollte ich dann das Champions League-Spiel auf Sport1 FM verfolgen. Die Sport1-App findet sich nicht im Amazon App Shop. Der Webplayer spielt den Lifestream in Amazons Silk-Browser nicht ab. Die Radioverzeichnis-App TuneIn gibt es zwar im App Shop, sie will aber keinen Stream ohne ständige Aussetzer und Verlangsamung der Oberfläche bis zur Unbenutzbarkeit spielen. Also hier ein Fail?

Schließlich surfe ich auf die Seite von NDR Info, dessen Spezial-Ableger das Spiel ebenfalls überträgt. Kaum wage ich zu hoffen, dass dessen Webplayer besser abschneidet, die Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender sind beim Implementieren moderner Webstandards oft etwas hinterher, doch siehe da: Der Stream startet und läuft die ganze zweite Halbzeit bis zum Ende stabil durch. Check!

Einkaufsbummel

Amazon liefert statt Google Play, das sich allerdings nachrüsten lässt, den eigenen App Shop. Der ist größtenteils mit Gratis-Anwendungen gefüllt, die zum Teil massiv von Amazon subventioniert werden, wie die Fire-Tablets auch. Diese Super-Schnapper finden sich im Tab Underground, im Tausch gegen Amazons Recht meine Nutzerdaten auszuwerten. Geschenkt!

amazon app shop Ein Blick durch die verschiedenen Kategorien des Shops, der ähnlich chaotisch wie Google Play wirkt, zeigt: Vieles ist da, unglaublich viel Müll auch. Während Basis-Apps wie Facebook, Twitter, Spotify, Tagesschau, n-tv etc. verfügbar sind, zeigt vor allem die Kategorie „Bestseller“, wer die typische Kundschaft sein dürfte: Candy Crush Soda und Angry Birds, überhaupt größtenteils Spiele sind die beliebtesten Anwendungen, wieder muss ich an Amazons neues Freetime Unlimited denken. Das Fire als Unterhaltungsplattform für einsame Kinderzimmer? Keine schöne Vorstellung, der App Shop hat definitiv keinerlei pädagogischen Mehrwert.

Und sonst so?

Auf dem Home Screen finden sich noch Tools, an die man zunächst nicht denkt, die man aber trotzdem gut brauchen kann. Ein mit Amazon synchronisierter Kalender, eine E-Mail-App, eine Uhr nebst Wecker und Stoppuhr sind ebenso dabei wie eben der Amazon-Browser. Der funktioniert, eine Offenbarung ist er nicht. Auf Twitter rät man mir die Firefox-App als APK-Download zu installieren, später vielleicht. Lange Surfsessions habe ich ohnehin mit dem Gerät nicht vor.

Die E-Mail-App indes macht einen vernünftigen Job. Alle üblichen Konten werden problemlos eingerichtet, ich entscheide, keines meiner beruflichen Postfächer anzulegen, was mir das Eingeben der Serverdaten über die teils doch etwas nervige Tastatur erspart. Überhaupt hat man mit dem Fire am meisten Freude, so lange man wenig mit ihm interagiert. Der Touchscreen nimmt Eingaben bisweilen nur widerwillig an und klebt recht schnell.

Wecken lassen sollte man sich übrigens vielleicht nicht vom Fire, bei mir klingelte der Wecker nämlich so leise, dass ich garantiert verschlafen hätte, der Slider zum Ausschalten funktionierte dafür nicht, aber vielleicht war ich auch noch nicht ganz wach.

Fazit

Für wen lohnt sich das Fire also als Impulskauf? Mit gebuchtem Amazon Prime, Amazon Unlimited und aktiver Audible-Subskription, kurz gesagt mit dem vollen Programm ist das Fire eine nette Ergänzung, ein praktisches Bett- und Couche-Device, dem man von Anfang an eine etwas sorglosere Behandlung angedeihen lassen kann, als einem 900-Euro-iPad und das man auch ein mal an einen (Amazon-affinen) Freund verschenken kann.

Wer weder Prime noch Unlimited nutzt, erhält ein günstiges Tablet, das er allerdings erst für sich aufsetzen muss. Zwar lassen sich sowohl Google Play, als auch Apps als APK-Pakete nachinstallieren, der Fire-Launcher mit seinen ganzen Amazon-Verknüpfungen dürfte hier aber eher störend wirken. Amazon wollte ein Gerät schaffen, das sich perfekt in sein Ökosystem einfügt und das ist gelungen. Es ist da, was man braucht, keine Kleinigkeit mehr.

Die Telekom hatte mit ihrem Puls Ähnliches vor, dort sollte Entertain ein Pull-Faktor sein, was nur mäßig gelang. Die Integration der verschiedenen Telekom-Dienste über die Telekom-Cloud ist zwar versucht worden, es fehlt hier aber verschiedentlich die letzte Konsequenz. Man kann sich darüber streiten, ob es sinnvoll ist, ein Gerät bereits mit allen persönlichen Accountdaten auszuliefern. Womöglich ist bei meinem Fire ja bereits meine hinterlegte 1Click-Zahlungsweise aktiviert, dann könnte Jeder, dem das Gerät in die Hände fällt, hemmungslos los shoppen.

Verschlüsselung ist hier ohnehin kein Thema, der optional aktivierbare Passwortschutz wirkt mehr wie Schmuck am Bau und dürfte bösen Nerds keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzen. Was aber unbestreitbar ist: Bequem ist dieses Konzept allemal. Womöglich besteht der nächste Schritt darin bereits alle Einstellungen, Inhalte und Apps aus dem letzten Backup aus der Cloud auf ein neu geordertes Gerät zu spielen, bevor es in den Versand geht. Dann wäre ein Neugerät nach dem physischen Verlust durch Diebstahl oder Ausfall eines Vorgängers tatsächlich kaum noch von diesem zu unterscheiden.

Traum oder Horrorvision einer Cloud-inspirierten User-Experience?

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