Bücherverbrennung unserer Zeit – Apple arbeitet an kontrollierter digitaler Meta-Welt und alle freuen sich darüber

Wie bereits beim iPad habe ich mir auch nach der gestrigen Keynote zum neuen iPhone OS 4 ein paar Stunden Zeit genommen, ehe ich anfing diese Zeilen zu tippen. Ich habe die Keynote in Wort und Bild beim hervorragenden Live-Ticker von engadget verfolgt und konnte via Twitter schon kurz nach Beginn der Veranstaltung in diversen Blogs mitverfolgen, dass bereits über die Inhalte berichtet wurde. Recherche ist wohl bei Apple-Themen genau so unwichtig wie kurz darüber nachdenken und Zusammenhänge zu finden. Hauptsache schnell raus, Hauptsache schnell die ersten Klicks ergattern.

Man hat zuweilen das Gefühl, dass sich die gesamte mediale Landschaft, vom kleinen Blog und bis zur großen Tageszeitung einen Vorteil von Apple erhofft, sei es wegen der Berichterstattung, wegen  verkauften Apps oder wegen neuen Wegen das eigene Medium zu verbreiten. Nach dem Motto: „Klink dich bei Apple ein und du bekommst was ab vom Kuchen„.

Ehe ich jetzt folgendes schreibe und die ersten Leute in den Kommentaren lospoltern, das hier ist alles meine eigene ganz persönliche Ansicht, ich versuche hier nicht zu sagen was Apple ist oder nicht, sondern wie ich das sehe, auf Diskussion freue ich mich dennoch.

Warum dieser Titel, haben sich wohl die meisten gefragt, die jetzt hier lesen und viele denken sicher, ach komm übertreibe es nicht. Dennoch finde ich es mehr als treffend, da ein Satz während der Frage und Antwort-Runde nach der Keynote mir nicht mehr aus dem Kopf ging.

Frage: What about running unsigned apps? (Wie sieht es auch mit nicht signierten Apps, Anmerkung: Also Apps, welche nicht über den App Store installiert werden)

Steve Jobs antwortete: You know, there’s a porn store for Android. Anyone can download them. You can, your kids can. That’s just not a place we want to go. (Du weißt sicher, dass es einen „Porno-Store“ für Android gibt. Jeder kann diesen runterladen. Du kannst das, deine Kindern können das. Das ist nicht die Richtung, die wir einschlagen wollen.)

Kommt das nur mir komisch vor, oder klingeln da auch bei euch die Alarmglocken? Apple argumentiert für ein geschlossenes und vorkontrolliertes System, in dem man erwähnt, dass es für ein Konkurrenz-System Porno-Zeugs gibt. Sicher, das Beispiel ist gut gewählt und sicher ist Steve Jobs diese Antwort nicht spontan eingefallen, aber über was reden wir hier eigentlich?

Über ein geschlossenes Apple Ökosystem, eine Art digitale Meta-Welt, in der auf einmal Werbung (iAd) zur tollen Funktion eines Smartphones wird und der Hersteller filtert bis zum umfallen. Wer mal in der Zeit etwas zurück geht und zum Thema Bucherverbrennung bei Wikipedia nachliest (wohlgemerkt ich spreche hier nicht von der Bücherverbrennung 1933), wird folgendes finden.

Die meist öffentlich durchgeführten Verbrennungen erfolgten wegen moralischer, politischer oder religiöser Einwände gegen den Inhalt der Schrift […]

Warum wähle ich diesen Vergleich? Nun, Apple sagt selbst, es sei der Buchladen der Zukunft, mit der iBooks-App für iPhone und iPad wagte Apple den Schritt in das digitale Buchgeschäft, erstaunlicherweise gelten auch hier diverse vorgefertigte Filterregeln. Unmoralische Inhalte werden gefiltert oder nachträglich verbrannt äähh gelöscht, im App Store bereits eine bekannte Gewohnheit, doch Apple geht noch weiter. In Zukunft sollen nur noch Anwendungen zugelassen werden, welche in den Programmiersprachen C, C++ oder Objective C geschrieben wurden, das erklärte Ziel ist anderen Firmen und Entwickler, welche auf andere Programmiersprachen und -arten setzen auszusperren.

Man möchte sein Ökosystem sauber halten, nichts soll rein oder raus, man verkauft Millionen Geräte, man verkauft Milliarden Apps, aber man filtert. Dennoch gibt es genügend Leute, welche dieses Spiel mitmachen, Leute die auf das oben erwähnten „Klink dich bei Apple ein und du bekommst was ab vom Kuchen“-Moto hoffen.

Netzmenschen regen sich gerne mal auf, vor allem wenn es um Zenzur und Einschränkung Ihrer digitalen Freiheit geht, dennoch kenne ich viele die sich Ihr iPhone freiwillig vorfiltern lassen und nicht einmal darüber nachdenken, was hier überhaupt geschieht. Ist Apple das selbsternannte Moralapostel unserer Zeit? Nein, Apple will Kohle machen, richtig fett Kohle, Apple designt die Produkte so sexy weil sie Kohle machen wollen und nicht weil sie den Nutzer so lieb haben. Genau so sperrt Apple Anwendungen aus dem eigenen Store und strebt an, in Zukuft noch mehr Millionen Leuten diktieren zu dürfen, was sie zu sehen haben und vor allem, was nicht.

Der Nutzer hat die Wahl, ja, bei Apple bereits aus über 180 000 Apps, er hat ein einfach zu bedienendes Gerät aber er ist nicht frei.

Apple hat gestern erstaunliche Zahlen zum iPhone und iPad genannt, die Verkäufe stimmen, die Downloadzahlen stimmen und die Zukunftsaussichten erst recht. Sie haben jetzt Dinge eingeführt die sich wie Multitasking anfühlen, es aber trotzdem nicht sind, es gibt jetzt mehr Funktionen in der Mail-App, von  der ich bisher gar nicht wusste, dass solche Defizite bestehen, es gibt ein eigenes Spiele-Center, Ordner für Apps, Wallpaper, ein paar Funktionen für Firmenkunden und wie bereits erwähnt, das  iAds Werbesystem.

Sicher, gerade für Android-Nutzer klingen die meisten dieser Neuerungen logisch zu Weilen fast witzig, aber es gelingt Apple, so einigermaßen auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Ich habe mich bereits daran gewöhnt, dass diverse Funktionen an Apple-Geräte übernatürlich hoch gelobt werden, egal wie lange man vorher darauf verzichten musste, das ist auch nicht der Punkt.

Der Punkt ist, alles was ich bis jetzt geschrieben habe kennen wir bereits, Fernsehsender liefern die Inhalte aus, welche sie vorher selbst aussuchen, Hersteller von (mobilen) Spielekonsolen genehmigen nur Spiele, welche sie selbst überprüft haben und die größten Handyhersteller der Welt wollen Ihre eigenen Lösungen lieber an den Mann bringen als fremden Content. Das ist an sich nichts Schlimmes, denn jeder will Geld verdienen und ich wäre der letzte, der dies einer Firma vorwirft, doch wenn die Firma so groß wird wie Apple und dann mit solchen fast religiösen Argumenten wie „Porno ist etwas Böses“ argumentiert, werde ich hellhörig.

Was macht Apple? Apple baut die bereits erwähnte digitale Meta-Welt auf, ein eigenes (mobiles) Internet, eine Kommunikationsplattform unter Kontrolle,  vom 3D-Shooter, über Werbeformen, Internettechnologien oder Programiersprachen alles wird vorgegeben oder überprüft, Apple verknüpft die Einschränkungen sämtlicher Hersteller in den alten Medien in derzeit zwei Produkten, drückt einen, auf noch mehr Umsatz optimierten, Filter drauf und alle freuen sich darüber.

Teilen

Hinterlasse deine Meinung
Du kannst auch als Gast kommentieren (Anleitung). DISQUS respektiert „Do Not Track“ und bietet einen Datenschutz-Modus an. Informationen zum Datenschutz auf mobiFlip.de findest du hier.