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Steht uns ein Paradigmenwechsel dank Android Wear bevor?

Moto 360 (2)

(Vorab: Ich habe noch nie eine Android Wear Uhr oder überhaupt eine Smartwatch benutzt. Wer nun – durchaus berechtigterweise – der Meinung ist, dass ich deswegen keine Qualifikation habe, über dieses Thema zu schreiben, braucht diesen Artikel ja nicht zu lesen oder kann gerne in den Kommentaren seinen eigenen Senf zum Thema abgeben. Ich denke aber, nachdem ich in den letzten Monaten diesen neuen Markt mit großem Interesse verfolgt habe, habe ich mir dennoch ein recht ordentliches Bild machen können.)

Apps, Apps, Apps, alles dreht sich in der Technikwelt heutzutage um Apps. Sei es das Handy, das Tablet, der Rechner, der Fernseher oder die Smartwatch, immer stellt sich die Frage nach dem App-Ökosystem. Android Wear verfolgt hier einen anderen Ansatz. Sicher, auch Android Wear hat nicht nur Apps, sondern der Erfolg auch dieser Plattform steht und fällt wohl mit dem Angebot an Apps, das sich in den nächsten Monaten entwickeln wird, oder eben nicht entwicklen wird. Aber Apps für Android Wear sind in erster Linie nicht dazu gedacht, dass man sie öffnet und sich längere Zeit in ihnen aufhält, um etwas zu erledigen.

Nach Googles Vorstellung sollen sie vielmehr wie Google Now Karten die richtigen Informationen abhängig vom Kontext liefern, ohne dass der Nutzer aktiv eingreifen muss, und damit bricht Google mit dem vorherrschenden Konzept, dass man ständig in Apps rein und raus springen muss, um das Gerät zu nutzen. Der Inhalt steht im Vordergrund, nicht die App. Die App erweitert die Funktionalität des Geräts nicht durch das Einführen einer weiteren isolierten Nutzerfahrung, sondern indem sie zusätzliche Informationen für das bereits bestehende System zur Verfügung stellt, quasi mehr ein Plugin als eine App.

Nun ist es schön und gut, dass Google hier einen neuen Ansatz verfolgt, aber ist es denn auch eine Verbesserung? Ich würde sagen: Defnitiv ja! Vor allem bei Wearables macht sich dieses Konzept bezahlt, denn die winzigen Bildschirme sind einfach nicht dafür geeignet, eine voll aufgeblasene App darauf zu benutzen. Im Gegenzug zu dieser Einschränkung liefern Wearables aber zwei Vorteile gegenüber beispielsweise Smartphones: Erhöhtes Umgebungsbewusstsein (eher noch Zukunftsmusik, zum Beispiel durch Sensoren, die nur Sinn machen, wenn sie auch “am Tageslicht” und ständig am Körper und nicht in der Hosentasche sind) und unmittelbare Informationsdarstellung.

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Diese Eigenschaften erfordern auch eine andere Herangehensweise bzgl. der Funktionsweise der Geräte. Bevor sie das nächste Opfer der “Smartification” wurden, waren Uhren Geräte, die nur kürzeste Interaktionen erforderten, nämlich einen kurzen Blick. Das versucht Google mit seinem Ansatz der Apps als kontextsensitive Inhaltslieferanten wieder einzuführen. Meiner Meinung nach der einzig richtige Ansatz. Es wird ja schon häufig darüber lamentiert, dass die Menschen immer mehr in ihre Smartphones versinken. Das muss nun wirklich nicht auch noch mit Uhren so kommen… Vielmehr könnten Smartwatches uns die eine oder andere Minute in der eigenen Smartphone-Welt durch einen kurzen Blick und einen schnellen Wisch ersetzen.

Aber nicht nur auf Wearables macht es sehr viel Sinn, sich vom klassichen App-Denken zu lösen. Auch auf Android TV degradiert Google zum Beispiel Apps zu Inhaltlieferanten. Auf dem Startbildschirm werden wenn möglich direkt Videos und Filme statt Apps angezeigt, das Starten und Durchwühlen der Apps entfällt im Idealfall. Damit wird das Nutzen von Smart-TVs wieder ein ganzes Stück mehr wie Fernsehen statt Computer bedienen.

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Sogar auf Smartphones macht Google erste kleine Schritte, Apps in die zweite Reihe treten zu lassen. Das neue Multitasking-Menü in Android L rückt den Inhalt der Apps statt der Apps selbst in den Vordergrund (“document-centric task model”), App Indexing und App-Sucherverläufe in Google Search sind weitere Maßnahmen, die Inhalte aus den Apps heraus direkt in das Betriebssystem hineinzuintegrieren. Natürlich lassen sich Apps nicht komplett derart in den Hintergrund drängen, dass man sie gar nicht mehr direkt öffnet, wozu sollte man das auch? Aber bei Apps wo es Sinn macht, sorgt das “App als Plugin” System bei ausgereifter Entwicklung dafür, dass der Nutzer direkteren Zugriff auf Informationen und Inhalte hat, sich nicht merken muss, in welcher App er was machen kann oder gefunden hat und sich weniger mit dem Erlernen der Bedienung von zig neuen User Interfaces befassen muss.

Für Entwickler mag es zunächst wenig verlockend klingen, wenn Nutzer sich weniger oder kaum mehr in ihren Apps aufhalten, aber auf der anderen Seite ist es für Contentanbieter ein wahrer Segen, wenn die Navigation der App als Zwischenschicht entfällt und der Nutzer direkt und somit einfacher auf die Inhalte zugreifen kann.

Am deutlichsten wird der Vorteil des App-als-Plugin-Systems momentan aber weiterhin bei Smartwatches bzw. Wearables im Allgemeinen, da deren komfortable Nutzung und komplette Sinnhaftigkeit wie bereits beschrieben auf dieser Idee beruht. Deswegen denke ich, dass der Paradigmenwechsel weg von “Apps über alles und Apps im Mittelpunkt” bei Android Wear und etwaigen zukünftigen Konkurrenzplattformen beginnen wird – wenn er denn überhaupt einsetzt. Denn bisher sieht es danach aus, als könnten sich die meisten Entwickler und Nutzer noch nicht vom App-zentrischen Denken lösen. Natürlich, Android Wear ist erst seit wenigen Wochen auf dem Markt, und es ist normal, dass sich das Ökosystem erst einmal orientieren muss.

Google hat Wear aus diesem Grunde auch so entworfen, dass auf die Uhr gequetschte Smartphone-Apps nur unkomfortabel nutzbar sind. So lassen sich Wear-Apps nur als Bestandteil einer Smartphone-App und nicht eigenständig installieren, und es gibt auch deswegen keinen schnellen Launcher. Dennoch sprießen ebensolche geschrumpfte Smartphone-Apps förmlich aus dem Boden, seien es Flappy-Bird-Klone, Taschenrechner, Kalender, Taschenlampen– oder Zeichen-Apps. Besonders kontrovers ist der Wear Mini Launcher. Ich will nicht bestreiten, dass er die Bedienung stand jetzt deutlich komfortabler macht, aber eigentlich sollte ein Launcher, wenn die Entwickler Googles Vorstellungen folgen, gar nicht erst notwendig sein. Solche Launcher führen nur dazu, dass weiter Smartphone-Apps auf Android Wear landen.

Wie gesagt ist es noch extrem früh, und es gibt auch einige gute Beispiele wie Golfshot oder Allthecooks (all die App-Beispiele stammen übrigens aus diesem guten Times-Artikel). Dennoch ist es für den Erfolg von Android Wear entscheidend, wie schnell Google das Ökosystem in die richtige Richtung lenken kann.

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In vielerlei Hinsicht erinnert mich die Situation um Android Wear an das iPad der ersten Generation. Wie Smartwatches waren auch Tablets vor dem iPad eine Produktkategorie, dessen Potential ersichtlich war, aber keiner konnte die Bedienung richtig umsetzen. Sowohl Android Wear als auch das iPad gingen daraufhin einen komplett anderen Weg als den bis dato vorherrschenden Ansatz. Apple quetschte nicht einen Laptop in ein Tablet, wie es die meisten erwartet und erhofft hatten, sondern blähte stattdessen den iPod Touch auf Übergröße auf.

Google versucht uns mit Wear kein Smartphone an den Arm zu binden, sondern will ein auf kürzeste Interaktionen basierendes System etablieren. Wie damals bei Tablets stellen sich viele heute bei Smartwatches die Frage, ob man so was überhaupt braucht.

Einen entscheidenden Unterschied gibt es aber. Auch wenn Apple anfangs auf Skepsis stieß, bediente sich das iPad letztlich dennoch an Bekanntem, nämlich dem Erfolgsrezept des iPhones. So konnten nach Marktstart dann doch schnell viele Kunden überzeugt werden. Android Wear hingegen ist ein völlig neues Konzept, sodass sich ein Erfolg nicht vorhersehen lässt. Es basiert auf Kontextsensitivität, welche noch in ihren Anfängen steht und dadurch noch nicht hundertprozentig zuverlässig ist; und damit die Kontextsensitivität wirklich Sinn macht, versucht Google auch noch das mittlerweile festgefahrene App-zentrische Denken zu durchbrechen.

Wenn es funktioniert, dürfen wir uns auf eine deutliche Weiterentwicklung in der Bedienung unserer Gerätschaften freuen.

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