Kommentar: Partnerschaft von Nokia und Microsoft

Mittlerweile ist die Ankündigung der Partnerschaft zwischen Nokia und Microsoft ein paar Tage her und es ist Zeit ein kurzes Fazit zu ziehen. Als alter Nokia-Fan, auch wenn man mir das im Moment vielleicht nicht abnimmt, hat mich diese Nachricht und diese Strategie auf den ersten Blick stark verwirrt, darum wollte ich erst mal ein paar Tage vergehen lassen und mir in Ruhe eine eigene Meinung bilden.

Selten habe ich seit einer Ankündigung so viele Berichte und Meinungen gelesen, ich habe die Reaktion von alten Nokia-Fans, einigen Windows Phone Bloggern, den großen „Mainstream“-Medien oder auch von zahlreichen Apple- und Android-Blogs gelesen – natürlich habe ich aber auch die zahlreichen Kommentare zu unserem eigenen Bericht verfolgt. Es wird Zeit für ein Fazit.

Nokia und Microsoft in der Vergangenheit

Zum Beginn möchte ich mal auf ein paar entscheidende Punkte aus der Vergangenheit von Nokia im Smartphone-Markt eingehen. Bei mir fing es erst richtig mit dem Nokia N95 an, es war nicht mein erstes (Symbian-)Smartphone, aber mit diesem Gerät habe ich mich sehr intensiv beschäftigt – und es war unter anderem auch der Grund, warum ich angefangen habe Berichte in Blogs zu schreiben.

Nokia war zu diesem Zeitpunkt die innovativste Firma auf dem Markt: GPS, WLAN, ein Beschleunigungssensor (dieser wurde zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal unterstützt und ist heutzutage absoluter Standard in einem Smartphone) und eine 5 Megapixel-Kamera (die selbst die zahlreichen HTC-Kameras von heute übertrifft) in einem Gerät mit (für damalige Verhältnisse) großem Display und einem Dual-Slider. Das war eine technische Sensation!

Stephen Elop spricht bei „An Evening With Nokia“ vor dem MWC 2011

Doch nicht nur die Hardware konnte überzeugen, vor allem Symbian war die treibende Kraft hinter dem N95. Nokia konnte dank zahlreichen Fans und guten Verkäufen eine große und stabile Entwickler-Gemeinschaft aufbauen, Symbian war damals die hübsche Alternative zu Windows Mobile von Microsoft. Interessant, dass es heute umgekehrt ist.

Dank der großen Vielfalt von Nokia und vor allem auch zahlreichen günstigen Geräten mit Symbian hat sich dieses OS ziemlich schnell verbreitet. Eigentlich genau die Punkte, die man heute an Nokia kritisiert, haben sie damals stark gemacht. Warum man den Wandel der Zeit und den Trend von iOS und Android so spät erkannt hat ist mir dennoch ein Rätsel (denn bei Nokia sitzen sehr viele kreative Köpfe, die jedoch von „oben“ gebremst werden).

Nokia war übrigens die erste Firma mit einem Touchscreen-Smartphone auf dem Markt, hat zahlreiche Standards (wie man sie heute kennt) gesetzt und hat die Markte „Nokia“ zu einer der erfolgreichsten im mobilen Sektor aufgebaut. Vom Gummistiefelhersteller zum weltweit größten Mobilfunkkonzern. Doch irgendwas ist schief gelaufen, man dachte wohl, dass es ewig so weiter geht und man hat sich ganz klar auf dem Erfolg ausgeruht.

Das Nokia 7710 – Das erste Touchscreen-Smartphone von Nokia wurde 2004 angekündigt und kam 2005 auf den Markt

Bei Windows Mobile ist das etwas anders abgelaufen, diese Oberfläche war vor allem für Business-Anwender die erste Wahl, aber auch hier hat man eine anfangs erfolgreiche Strategie nicht schnell genug aufgegeben: Die User wollen das komplexe System von Windows auch auf dem Handy. Wie man heute weiß: falsch. Heute geht der Trend sogar dahin, dass die einfachen Elemente des UI bei Handys im PC-Markt Anklang finden.

Ich würde mal behaupten, dass man bei Nokia und Microsoft einfach stur war und man schon gar nicht damit gerechnet hat, dass zwei Neulinge mal das Feld von hinten aufräumen werden. Jetzt versucht man mit einer Partnerschaft ein „drittes Ökosystem“ zu Android und iOS aufzubauen, die zwei Riesen haben sich zusammengeschlossen und wollen also zusammen die Nummer 1 werden. Microsoft sollte hier vielleicht auch mal Stellung zu den anderen Herstellern beziehen: Welche Inhalte werden auch für sie verfügbar sein, welche nur für Nokia? Auch wenn Nokia laut offizieller Aussage ja nur einer von vielen ist, so ist deren Rolle ganz klar zum Nachteil für die anderen.

Nokia: Wichtige Partnerschaften

Während Microsoft als reine Software-Firma mit Windows Phone einen Neustart gewagt hat, hat man bei Nokia versucht die Plattform Symbian weiterhin schön zu reden attraktiv zu machen. Doch es waren die Partnerschaften, die vor allem mein Vertrauen in Nokia minimiert haben.

Nachdem man zwar auch noch sehr erfolgreiche Geräte wie das 5800 XpressMusic auf den Markt gebracht hat, war man sich irgendwann klar, dass man auf lange Sicht nicht mehr gegen Android ankommt und eine Waffe im Highend-Markt war auch das letzte Flaggschiff N97 nicht. Es musste also etwas Neues her.

Also werkelte man an seiner Oberfläche Maemo und gab dieser ein frisches Design, bis zum N900 war Maemo nur ein kleines Projekt für ein paar Internet Tablets von Nokia. Nach dem experimentellen N900 verkündete man dann eine Partnerschaft mit Intel, man wolle gemeinsam das beste OS entwickeln, Maemo war ab sofort als MeeGo bekannt.

Schon damals war das Geschrei groß, Nokia würde Symbian fallen lassen und ab sofort auf MeeGo setzen. Doch Nokia betonte immer wieder, dass Symbian weiterhin ein wichtiges Thema ist und präsentierte uns dann mit Symbian^3 die nächste Generation.

Nokia-Mitarbeiter gehen nach der Ankündigung am Freitag auf die Straße und demonstrieren (via)

Doch auch hier wurde die Kritik sofort laut, die zahlreichen Verbesserungen unter der Haube waren optisch einfach kaum zu sehen. Symbian ist zwar jetzt schnell und stabil und für Touchscreens angepasst, doch die Konkurrenz hat nicht geschlafen und sich schneller verbessert als Symbian. Symbian^3 kam zu spät auf den Markt.

Schauen wir noch mal einen Schritt zurück, vor Symbian^3 hat man die Symbian Foundation gegründet, welche ja bekanntlich letztes Jahr wieder beendet wurde. Und wieder wurde das Gejammer groß, dass Nokia Symbian fallen lassen würde und wieder versuchte man die Fans zu beruhigen. Symbian wird es weiterhin geben und man wird es jetzt sogar noch schneller verbessern können.

Ihr seht also, Nokia hat in der Vergangenheit immer wieder Entscheidungen getroffen, welche Symbian beeinflusst haben und hat immer wieder versucht Entwickler zu motivieren und für diese Plattform zu gewinnen. Letztes Beispiel ist Qt, eine Entwicklerplattform, welche garantieren sollte, dass Apps mit wenig Aufwand für beide Oberflächen (Symbian und MeeGo) entwickelt werden können. Aber auch hier hat Nokia natürlich schon Stellung genommen, Qt ist weiterhin ein wichtiges Thema bei Nokia. Aber welcher Entwickler soll das noch glauben?

Welche Partner und Leute möchte Nokia noch gewinnen, wenn man in der Vergangenheit trotz Zweifel immer wieder gesagt, dass Symbian für Nokia wichtig ist und man dann doch mit der Wahrheit kommt und zu Windows Phone wechselt?

Die Hoffnung lag auf MeeGo

Man setzte alle Hoffnungen auf MeeGo, doch die Fans haben mittlerweile keine Lust mehr zu warten, verständlicherweise. Erst sollte das erste Gerät mit MeeGo Ende 2010 rauskommen, dann sprach man doch von einem Event für 2011 und mittlerweile heißt es nur noch im Laufe des Jahres. Für mich persönlich ist das eine unbefriedigende Aussage.

Außerdem, wie will man denn bitte Entwickler für ein Projekt, an dem man lernen möchte, gewinnen? Mit Qt? Welcher Entwickler soll denn für ein aussterbendes OS (Symbian) und ein weiteres Projekt (MeeGo) entwickeln? Da wäre es doch nur logisch, wenn man sich stattdessen mit Silverlight (Windows Phone) beschäftigt oder die Chance gleich nutzt und zu Android oder iOS wechselt, hier hat man nämlich schon eine große Community.

Offizielle Konzept-Bilder von Nokia und Microsoft – kein finales Produkt!

Der Vorteil von Nokia und Microsoft

Beide Unternehmen sind gigantisch, haben einen großen Einfluss und sind Marken, denen die normalen Leute das draußen vertrauen (ich rede hier nicht von den „Geeks“, die mittlerweile sowieso größtenteils einen Androiden oder ein iPhone besitzen). Beide Unternehmen haben ihre Stärken und ich glaube die Kombination aus beidem hat durchaus ein großes Potential.

Zusammen bekommt man eine gute Hardware, ein neues und frisches OS und das Highlight ist die Kombination der Services wie Navigation, Spiele oder Exchange. Doch jetzt gilt es erst mal dieses gemeinsame Ökosystem aufzubauen, hier wird wieder eine Menge Geld fließen und eine ganze Weile vergehen.

Die entscheidende Frage: Wann?

Womit wir auch zur entscheidenden Frage kommen, wann werden wir die Früchte sehen? Im Sommer kann man mit Android 3.0 für Smartphones, Apples iOS 5 und auch den neuen Produkten von HP rechnen, alle Oberflächen kommen in einer schönen Kombination aus Smartphone und Tablet auf den Markt. Ist man zu diesem Zeitpunkt schon bereit? Nein, vor 2012 werden wir wohl kein Windows Phone von Nokia sehen, das steht fest. Bleibt also wieder die Frage, ob das versprochene MeeGo-Gerät (bedenkt bitte, dass Nokia immer nur von einem Gerät spricht, es kann also auch ein Tablet sein) dann überzeugen kann.

Folie aus der Keynote von Nokia und Microsoft

Man hat ja auch noch einige Symbian-Smartphones im Programm und möchte den Übergang so sanft wie möglich gestalten, über 150 Millionen Geräte sind bis zum Übergang geplant. Außerdem bleibt die Frage offen, bis wann man Symbian ersetzten wird, von welchem Zeitraum sprechen wir hier? Symbian ist noch nicht tot, noch nicht. Auf lange Sicht aber schon und ich glaube diese Lücke wird nicht nur Windows Phone, sondern vor allem Android stopfen.

Der größte Fehler: Maemo nicht zu verbessern

Der größte Fehler hat man meiner Meinung nach nach Maemo 5 gemacht. Das N900 wurde schon immer als Projekt vermarktet, fand aber sehr großen Zuspruch von Fans, vor allem das User Interface wurde oft gelobt. Ich persönlich fand die Oberfläche auch sehr ansprechend, es haben zwar noch einige Dinge gefehlt, doch das Potential war unglaublich groß. Man sollte bedenken, dass dieses OS auch von den ersten Tablets aus dem Hause Nokia kommt, man hatte das optimale OS für Tablets und Smartphones die ganzen Jahre also quasi im eigenen Haus. Jahre vor der iPhone und iPad Kombination und weit früher als webOS und Android in seinem aktuellen Zustand!

Doch man schenkte Maemo zu wenig Aufmerksamkeit – ein Fehler den Nokia in der Vergangenheit schon öfter gemacht hat. Da werden großartige Dinge angefangen und dann zu wenig Energie reinstecken. Natürlich war das N900 kein Gerät für die breite Masse, doch ich glaube mit einem Jahr Arbeit und der entsprechenden Hardware hätte man daraus etwas Großes machen können. Ein Gerät wie das Galaxy S, iPhone oder Desire, zusammen mit einem ausgereiften Maemo und einer entsprechenden Anzahl an Apps? Ein Traum für viele. Man hatte sich ja aber bekanntlich dagegen entschieden und wollte es gemeinsam mit Intel schaffen, leider konnte man die Versprechungen aber letztes Jahr auch nicht erfüllen.

Designkonzept eines Nokia-Tablet mit MeeGo (via)

Fazit

In Ankündigungen ist Nokia groß, die Zukunft war bisher immer großartig und bis zur endgültigen Entscheidung von Elop letzten Freitag hat man diese Position auch verteidigt. Man sei schließlich immer noch an der Spitze und habe ja auch einige Verbesserungen in Planung. Und jetzt?

Anfang 2011 steht Nokia weder mit einem Flaggschiff, noch einer klaren Strategie für die Zukunft da. Man hat zwar schon einige Fragen geklärt und ich bin doch erstaunt über die Offenheit von Stephen Elop, doch es heißt mal wieder abwarten. Die Pläne sind gemacht, es dauert eben noch. Die Anzahl an treuen Fans ist gefallen und zur Konkurrenz übergetreten, die nicht einfach nur zuschaut, sondern die Technik im mobilen Markt mit einem unglaublichen Tempo vorantreibt.

Versteht mich nicht falsch, die Partnerschaft mit Microsoft sehe ich grundsätzlich nicht als falsch an, aber erst stellt man sich 2010 hin und gibt eine Partnerschaft mit Intel bekannt und verspricht und ein Flaggschiff bis Ende des Jahres (und verschiebt dieses), dann stellt man sich 2011 mit Microsoft hin und sagt es wird jetzt alles besser. Nokia ist in einer Situation, in der einfach Taten sprechen müssen und auf diese warte ich heute noch.

Folgendes Bild bitte nicht zu ernst nehmen, ich fand es aber ganz witzig (via)

Wer hätte gedacht, dass die Chefs von Microsoft und Nokia im Jahre 2011 beim Mobile World Congress auf der Bühne stehen und über die gemeinsame Zukunft reden? Ich nicht. Doch so ist der Mobilfunkmarkt und das macht ihn so spannend. Für das erste Halbjahr 2011 freue ich mich jetzt aber erst mal auf die kommenden Produkte von HP, Android 3.0 auf Tablets (und vielleicht bald auch Smartphones) und natürlich iOS 5 mit einem neuen iPad und dem iPhone im Sommer.

Natürlich werden wir das Geschehen verfolgen und euch hier auf mobiFlip über alles informieren, die nächsten wichtigen Punkte der beiden Unternehmen sind zwei Updates bei Symbian (PR 2.0 und 3.0) und Windows Phone 7 (Windows Phone 7.1 und 7.2?).

Und jetzt würde mich eure Meinung zu dem Thema interessieren, nach den ersten (teilweise hitzigen) Diskussionen am Freitag hat sich eure Meinung durch ein paar Antworten von Nokia und Microsoft mittlerweile vielleicht auch geändert oder bestätigt. Was ist eure Meinung zur Zukunft von Nokia und Microsoft?

Video: Stephen Elop und Steve Ballmer beantworten Leserfragen

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