LG 55LB870V mit WebOS im Test

LG stattet seine Smart TVs seit 2014 mit WebOS aus. Ist das ehemalige Handy-Betriebssystem wirklich die erhoffte Offenbarung für die Bedienung von Fernsehern? Finden wir es heraus.

Als LG 2013 WebOS kaufte, hatte ich in kurzer Abfolge zwei Gedanken. Der erste war „Hä?!“, der zweite war „Geil!“. Smart-TVs waren seit ihrer Einführung um 2010 immer bestenfalls okay zu bedienen. Die UI der meisten Geräte ist langsam, überladen und die Bedienung per Pfeiltasten auf der Fernbedienung nimmt einem dann noch den letzten Spaß daran.

Es wurde dringend Zeit, die Bedienung der Geräte zu vereinfachen. LG hat sich also an die Arbeit gemacht und WebOS zu einem Betriebssystem für Fernseher umgebaut. Die ersten Geräte mit WebOS kamen Anfang 2014 auf den Markt und genau so ein Gerät hat LG mir freundlicherweise geliehen. Konkret geht es um den 55LB870V. Schauen wir mal, ob WebOS hält, was LG verspricht.

lg_webos_03Hardware

Der 55LB870V gehört zur Reihe der 2014er Topmodelle und hat so ziemlich alles an Features bekommen, was heutzutage in einen Fernseher passt. Ein 55 Zoll Full HD Panel mit Local Dimming, 1000Hz MCI, halbwegs brauchbare Boxen (die sich im Standfuß verstecken) und sehr gute Bildqualität kann man in einem Topmodell erwarten. Überrascht hat mich dann doch die Webcam, dank der man den Fernseher auch mit Armbewegungen steuern kann. Die Displayränder sind sehr schön schmal. Man hat das Gefühl, das Fernsehbild schwebt im Raum.

LG-55LB870V-Displayrand

LG-55LB870V-Pixel

Bei einem Sitzabstand von 2cm wird das Bild etwas pixelig.

Ob man auf 55 Zoll 4k Auflösung braucht, muss jeder selbst entscheiden. Das kommt wahrscheinlich auf den Sitzabstand an. Bei den 3,5 Metern Abstand in meinem Wohnzimmer kann ich gerade noch so drauf verzichten.

Der 55LB870V ist bestens verarbeitet. Die Ränder sind aus Alu und die Rückseite besteht aus weißem Kunststoff. Auch mit mehreren angeschlossenen Kabeln wirkt die Rückseite noch aufgeräumt, obwohl die wenigsten diesen Anblick oft sehen werden.

Ein kleiner Wermutstropfen: Das IPS Panel spiegelt ziemlich. Wer ein eher sonnendurchflutetes Zimmer hat, könnte sich daran stören. Die Bildqualität ist hervorragend und lässt sich mit unzähligen Einstellungen an den eigenen Geschmack anpassen. Ab Werk ist das Local Dimming etwas aggressiv, was gerade bei Weltraumfilmen ziemlich auffällt. Dann kann es sein, dass die gedimmte Hintergrundbeleuchtung schwache Sterne im Dunkeln verschwinden lässt.

Alles in allem ist die Hardware des 55LB870V ziemlich überragend und Welten entfernt von meiner privaten 2011er Gurke mit ihren riesigen Plastikrändern. Allerdings kostet der 55LB870V aktuell auch noch vierstellig, man darf also auch ein bisschen mehr erwarten für sein Geld.

LG-55LB870V-beide-Fernbedienungen

Der LG 55LB870V wird mit zwei Fernbedienungen geliefert. Die obere ist noch als solche zu erkennen, hat bei mir aber nur für dieses Foto das Licht der Welt erblickt. Denn die Magic Remote unten ist die deutlich intuitivere Art, den Fernseher zu bedienen.

Software

Ich kann mich noch gut an WebOS auf dem Palm Pre erinnern. Durch all die Gesten war das OS am Anfang ein bisschen schwierig zu bedienen, aber später war die Bedienung super flüssig. Mit dem WebOS auf dem Pre hat LGs Version allerdings praktisch nichts mehr zu tun. LG nutzt allerdings die Ansätze moderner mobiler Betriebssysteme geschickt, um die Bedienung der TV-Oberfläche einfacher und intuitiver zu machen.

LG-55LB870V-Magic-Remote

Die Magic Remote dient dabei als Zeigegerät. Mit ihr lassen sich die wichtigsten Funktionen direkt erreichen und vor allem wird ein Mauszeiger angezeigt, den ihr durch Fuchteln mit der Remote steuert. Das ist bei LG nichts bahnbrechend neues, aber im Zusammenhang mit WebOS geht das wirklich super.

Herzstück der Software ist eine Leiste mit „Karten“ am unteren Bildschrimrand, die die einzelnen Apps repräsentieren. Der 55LB870V kommt mit den wichtigsten Apps wie Netflix und Amazon Instant Video vorinstalliert, die auch über den LG-eigenen Appstore aktualisiert werden können.

LGs WebOS verfügt über rudimentäres Multitasking. Man kann relativ einfach zu vorherigen Apps zurückkehren oder diese beenden.

Hat man sich erstmal an die grundsätzliche Bedienung von WebOS gewöhnt, geht die Bedienung flott von der Hand. Und man glaubt es kaum: Manchmal machts sogar Spaß! 

Das fängt schon bei der Ersteinrichtung des Fernsehers an. Früher hieß Ersteinrichtung „Stecker rein, Kabel rein, Sendersuchlauf, fertig“. Heute ist das ganze etwas komplizierter. Damit man bei all den AGB, Ländereinstellungen, Netzwerkkonfigurationen und Softwareupdates nicht den Mut verliert, begleiten den Nutzer kleine Vögel durch den Setupprozess. Das hat das ganze Setup für mich zwar nicht zu einer erfreulichen Sache gemacht, aber ein bisschen erträglicher wurde das Ganze schon.

Generell ist WebOS auf dem Fernseher recht verspielt und voller Animationen. Die Apps und Bereiche sind deutlich farblich getrennt und subtile Animationen leiten den Benutzer durch die Menüführung. Blöd nur: Die Animationen ruckeln. Ihr seht das im Video ab und zu. Da wäre meiner Meinung nach weniger mehr gewesen. Ein paar weniger Animationen und die dafür flüssiger und die ganze Kiste hätte sich weniger angefühlt, als wäre sie beim einfachen App-Wechsel an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Vermutlich ist das aber so. Obwohl im 55LB870V ein nicht näher spezifizierter Dual Core Prozessor Dienst tut, gibt es Situationen, in denen WebOS langsam reagiert.

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Einige Anschlussmöglichkeiten des 55LB870V – Die Rückseite ist sehr clean gehalten

Nutzt man den Fernseher dann abseits der vielen Apps doch einmal zum Fernsehen, stören mich zwei Dinge: Der EPG (elektronischer Programmführer) reagiert im DVB-T Betrieb ziemlich langsam und das Umschalten dauert recht lange. Das scheint aber am Tuner zu liegen und lässt sich anscheinend mit mehr CPU Power nicht bessern. Eine weitere Fernsehfunktion, die nach all den Jahren immer noch nicht vernünftig und einfach funktioniert, ist die Sendersortierung.

Da hat man schon mal einen Mauszeiger, kann allerdings in der Senderliste nicht einfach Sender hin- und herziehen, sondern muss jeden Sender einzeln anfassen und neu zuweisen. Bei meinen 30 Sendern ist das ein überschaubarer Aufwand, aber mit Satellit wird das zur abendfüllenden Aufgabe.

LG-55LB870V-Webcam

Ich bin zwar kein großer Videotelefonierer, aber wenn man sich mal dran gewöhnt hat, dass der eigene Fernseher eine Kamera hat, ist skypen vom Wohnzimmer aus doch keine so schlechte Idee – vor allem mit der ganzen Familie.

Und sonst?

Der 55LB870V ist natürlich vollgepackt mit weiteren Features. Hier die, die mir persönlich am besten gefallen:

  • Der Mediaplayer namens Smartshare funktioniert schnell und einfach – egal ob die abzuspielende Datei im Netzwerk liegt oder auf einem USB Stick oder Festplatte liegt.
  • Die Lautsprecher sind in den Standfuß eingebaut. Das macht den Ton nicht wirklich voll, aber immer noch besser als viele andere extrem flache Fernseher – ich habe den Fernseher trotzdem an einem Receiver samt 5.1 Boxen angeschlossen…
  • …im Fernseher sind diverse Fernbedienungsprofile hinterlegt, so dass ich mit der Magic Remote die Lautstärke an meinem uralten (1999) Onkyo-Receiver regeln kann.
  • LG setzt auf passive 3D-Technik. Ich persönlich finde die besser als die aktive Geschmacksrichtung, aber das ist eine Glaubensfrage.
  • Das Bild lässt sich bis ins kleinste Detail einstellen – laut Kurztest bei prad.de mit ziemlich guten Ergebnissen bei der Bildqualität

Quo vadis WebOS?

Mir scheint, als würde die Entwicklung der Smart-TVs ungefähr wie die Entwicklung der Smartphones verlaufen:

Die ersten Smartphones waren wenig mehr als aufgebohrte „Dummphones“. Ja, es gab Apps und man konnte mehr machen als mit den alten Nokias, aber so richtig benutzbar waren sie nicht.

Dann kam der Big Bang. Das iPhone und die ersten Androidtelefone waren erstmals halbwegs benutzbar und konnten mehr Käufer von der Kategorie Smartphone überzeugen. Mit den Käufern kamen die App-Entwickler, mit den Entwicklern die Apps und mit den Apps das Alleinstellungsmerkmal.

Überträgt man diese Analogie auf Smart TVs, so scheint mir, dass wir gerade die Ära des Big Bang erleben. Betriebssysteme werden entwickelt, die sich zum ersten Mal auf die Plattform und deren Stärken und Schwächen (Fernbedienung!) einlassen. Für mich und wahrscheinlich viele andere Benutzer sind Smart TVs damit zum ersten Mal wirklich alltagstauglich.

LG-55LB870V-Soundbar

Die Soundbar ist wertig verarbeitet

Ist die Einführung von WebOS bei LG ein Schritt in die richtige Richtung? Auf jeden Fall! Smart TV hinken schon zu lange dem Versprechen vom „Wohnzimmer-Rechner“ hinterher. Da ist es schön zu sehen, wie sich die Entwicklung in die richtige Richtung bewegt. Samsung fährt aktuell die gleiche Schiene mit Tizen – es bleibt abzuwarten, welches ehemals mobile Betriebssystem sich als das bessere erweist.

Denn perfekt ist bei WebOS noch lange nicht. Das Betriebssystem ruckelt, teilweise sind Optionen schwer zu finden und es gibt noch zu wenig Apps. Das sind allerdings Startschwierigkeiten, die wir so auch bei Smartphones gesehen haben.

Einen richtig fiesen Schnitzer erlaubt sich LG aber:

Wie es aussieht, werden die 2014er WebOS Modelle kein Upgrade auf das auf der CES angekündigte WebOS 2.0 bekommen. Das heißt nicht, dass es gar keine Updates gibt (im Testzeitraum ist für mein Testgerät eins gekommen), aber eben nicht auf die neue schnellere Version. Ganz dicker Daumen nach unten!

Fazit zum LG 55LB870V

In der Techbloggerszene ist es ein offenes Geheimnis, dass ein Fernsehertest Lust auf mehr macht. So mancher Blogger hat sich nach dem Test eines modernen Gerätes ein ebensolches auch Privat in die Bloggerhöhle gestellt. Ob mir das gleiche Schicksal blüht, kann ich noch nicht abschätzen. Bis vor dem Test war ich mit meiner Kombo aus 37 Zoll TV und Amazon FireTV  ziemlich zufrieden. Mal sehen wie das aussieht, wenn ich wieder die Augen zukneifen, mit zwei Fernbedienungen (Trotz Logitech Harmony) jonglieren und vor allem die blöden Pfeiltasten auf der Fernbedienung benutzen muss.

Der LG 55LB870V ist auf alle Fälle ein großartiger Fernseher: Die Bildqualität ist in meinen Augen hervorragend, alle wichtigen Anschlüsse sind vorhanden und die Magic Remote macht die Bedienung soooo viel besser!

Auch die Smart TV Features überzeugen mich. WebOS ist ein riesiger Schritt in die richtige Richtung. Zu schade, dass LG offenbar für das letztjährige Topmodell kein Upgrade auf WebOS 2.0 anbietet – das darf in dieser Preisklasse nicht passieren!

Allen Interessierten würde ich persönlich daher raten: Wartet noch ein Weilchen und schafft euch dann gleich ein 2015er Modell mit WebOS 2.0 an. Wer schon vierstellig in einen Fernseher investiert, sollte dann auch auf die Zukunft setzen. Apropos Zukunft: Dann am besten gleich mit 4k Auflösung kaufen.

Beim Thema Smart TV insgesamt bin ich sehr gespannt auf die Zukunft. Die Grundsteine sind gelegt – jetzt können Entwickler langsam ernsthaft beginnen, sich Gedanken über Apps zu machen, die aus einfachen Fernsehern „echte“ Smart TVs machen.

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