ICQ: Dieses Jahr wollen wir die Nummer 1 auf dem Markt werden – Mein Erfahrungsbericht aus dem Headquarter in Tel Aviv

Was ist ICQ? Gibt es ICQ noch? IC-Wer? Diese und andere Fragen habe ich in den letzten Tagen immer wieder gehört. In sehr vielen Altersgruppen könnte man tatsächlich meinen, dass der Dienst mittlerweile irgendwo in der Versenkung verschwunden ist und zum Beispiel von Google Talk oder vor allem dem Facebook Messenger vertrieben wurde. Dabei war ICQ doch bis vor ein paar Jahren der Pionier des Instant Messanging auf dem Desktop. Ich war am Wochenende nach Tel Aviv zum Hauptsitz von ICQ eingeladen und dort herrschte eine ganz andere Meinung, vor allem in Deutschland und Russland ist ICQ immer noch sehr aktiv und wird weiterhin von zahlreichen Menschen genutzt.

In Deutschland gibt es 3,6 Millionen User bei ICQ, 850.000 davon gehen auch schon mobil mit dem Smartphone oder Feature Phone online und 440.000 Nutzer davon sind sind sogar über täglich online – das entspricht ungefähr der Hälte der mobilen User. Insgesamt schauen also 25 Prozent auch unterwegs in ICQ rein und chatten dort mit ihren Kontakten. In diesem Jahr möchte ICQ den Anteil aber weiter erhöhen und im optimalen Fall auch neue User für den Dienst und die Anwendungen gewinnen. Das Ziel ist klar, das Unternehmen mit Sitz in Israel möchte vor allem in ihren wichtigsten Märkten wie Deutschland die klare Nummer 1 bei den mobilen Messengern werden und dazu gehört eine neue Strategie.

Man gibt auch offen zu, dass man den mobilen Markt vielleicht etwas zu spät in den Fokus genommen hat und nicht immer gut aufgestellt war. Vor allem Dienste wie der Facebook Messenger oder auch WhatsApp feierten in den letzten Monaten große Zuwachsraten und Apple ist mit iMessage sogar selbst in diese Kategorie eingestiegen. Das Ziel von ICQ ist jetzt ein gebündeltes Angebot mit mehr Möglichkeiten als die Konkurrenz es bietet, ICQ ist ja mittlerweile auch schon fast ein Multimessenger mit Diensten wie Facebook oder Google Talk – in Zukunft sollen hier vielleicht weitere Setvices wie MSN hinzukommen. Mit der aktuellen Strategie konzentriert man sich neben neue Funktionen auch auf die Cloud.

Das bedeutet im Prinzip nichts anderes, als dass man weg von Peer-To-Peer geht und beispielsweise Dateien, Bilder oder auch den Chat-Verlauf online speichert und so auf allen Geräten verfügbar macht. Neben dem iPhone und Android stehen natürlich auch weitere Plattformen auf der Agenda. Dazu gehören unter anderem Bada, Blackberry und Windows Phone, allerdings ist der Fokus klar: Die dominanten Plattformen werden als erstes versorgt, auch wenn am Ende natürlich alle Anwendungen die gleichen Funktionen bieten werden. Ganz oben auf der Liste von ICQ stehen auch entsprechende Anwendungen für Tablets. Mit dem nächsten Update kann man ICQ beispielsweise auf dem iPad nutzen, eine angepasste Oberfläche für (Android-)Tablets soll es dann auch noch irgendwann in diesem Jahr geben.

Man beobachtet natürlich auch andere Oberflächen wie Windows 8 und mit ICQ 8 ist man hier ebenfalls für den Marktstart im Laufe des Jahres vorbereitet. Im Moment ist übrigens Android die dominanteste Plattform bei ICQ, sie hat erst kürzlich iOS überholt. Der Bärenanteil der User ist zwischen 13 und 24 Jahren alt, auch hier zeigt sich natürlich, dass viele User davon bereits mit dem Smartphone online gehen. Trotzdem könnte man auf mobilen Oberflächen vermutlich noch besser aufgestellt sein, auch wenn man mehr als doppelt so viele User wie Skype in Deutschland hat, Dienste wie WhatsApp klauen einem da die mobilen Marktanteile weg. Doch 2012 soll sich das jetzt ändern.

Mit Version 3.1 wird man schon bald ein wichtiges Update veröffentlichen, welches zum Beispiel das Übertragen (Cloud-basiert) von Bildern oder Videos ermöglicht, einen Location-Service eingebaut hat, mit dem man seine aktuelle Position an Freunde schicken kann, ein verbessertes Push beinhaltet, mehr Möglichkeiten zum Bearbeiten des Profils bietet, welches iPad kompatibel ist und für Android ein Popup zum schnellen Antworten auf Nachrichten mitliefert. Neben diesen Features wird es in Zukunft auch kostenlose SMS und kostenlose Gespräche via VoIP geben. Die VoIP-Lösung kommt im dritten Quartal 2012. SMS werden allerdings IP-basiert verschickt, man bekommt also eine weitere Nummer. Meiner Meinung nach eher ungünstig, da werden die meisten auch gleich einen anderen Messenger nehmen oder die Nachricht direkt via ICQ verschicken.

Ich habe mir in Tel Aviv auch direkt die neuste Beta von ICQ 3.1 angeschaut, auf dem iPad hat mir der Messenger allerdings nicht gefallen, hier muss dringend ein ordentliches User Interface her. Auch bei der Android-Version habe ich so meine Kritikpunkte, ICQ möchte sein eigens User Interface zwar sehr stark in die Applikationen integrieren, vor Ort habe ich den Entwicklern allerdings mal vorgeschlagen, dass man doch die entsprechenden Design-Elemente der Oberfläche besser annehmen sollte. Das kann man ja auch mit einem eigenen Design kombinieren und muss dieses nicht komplett über den Haufen werfen. Das macht man bei iOS und auch der neusten App für Windows Phone schon sehr gut, eine bessere Oberfläche für Android wäre jedoch ebenfalls wünschenswert.

Im Gespräch mit einem Entwickler habe ich allerdings auch gelernt, dass man sich bisher eben immer am Marktanteil orientiert hat und das vor allem bei Android 4.0 derzeit noch nicht zur Debatte steht. Der Marktanteil wird wachsen und dann wird man auf jeden Fall auch reagieren, ein Vorreiter möchte man aber anscheinend nicht sein. Eigentlich schade, denn Boid und Carbon haben in letzter Zeit ja sehr gut gezeigt, wie man auf diese Art und Weise für ein sehr positives Feedback sorgen kann. Das wäre aber vielmehr einer meiner persönlichen Kritikpunkte, da ich bei einer Applikation immer ein natives User Interface der aktuellen Plattform bevorzuge. Vielleicht auch mehr ein Problem von Android, in den Marketplace wäre man ohne ein angepasstes Design gar nicht erst gekommen.

Ein interessanter Schritt der letzten Wochen war meiner Meinung nach das entfernen der Werbung aus den mobilen Applikationen, in Russland hat man sogar noch die Werbung aus den Desktop-Anwendungen entfernt. Neue Geschäftsmodelle? Gibt es noch nicht, für dieses Jahr hat man den Fokus auf Wachstum und die mobilen Oberflächen gelegt. Daten der User werden übrigens nicht verkauft, für zielgerichtete Werbung setzt ICQ lediglich auf das Alter und das Geschlecht des Users. Neben der Werbung gibt es im Desktop-Bereich auch noch starke Partner wie zum Beispiel Pro7 oder Sat1, im Moment hat man mit Mail.ru allerdings erst mal einen finanziell gut aufgestellten Käufer gefunden, der die Plattform im Gegensatz zu AOL anscheinend auch voran treiben und verbessern möchte.

ICQ ist nicht tot und konzentriert sich eigentlich auch auf eine sehr interessante Zielgruppe, die vielleicht nicht so technikaffin wie wir ist und zu einem Multimessenger greift, aber dennoch eine große Rolle auf dem Markt spielt. Ich persönlich fand den Einblick in das Unternehmen und das Land jedenfalls sehr interessant und werde die Entwicklung in den nächsten Wochen und Monaten mal genau verfolgen. Ich persönlich bin übrigens immer noch ein Nutzer von ICQ, auch wenn ich auf den meisten Oberflächen natürlich einen Multimessenger installiert habe. Falls ihr noch Fragen oder Anregungen hat, immer her damit. ich habe weiterhin mit den Leuten bei ICQ kontakt.

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