Im Rahmen von Gerichtsprozessen wurden in der Vergangenheit schon sehr oft private E-Mails offengelegt, wodurch Details und Einblicke in die verschiedenen Konzerngeschäfte und Projekte preisgegeben wurden. Der jüngste Vorfall dieser Art sind jetzt in den sogenannten Epstein-Akten aufgetaucht wie Windows Central und Bloomberg berichten und betrifft das Surface RT-Projekt von Microsoft.

Das Unternehmen hatte im Jahr 2012 nicht nur das Surface-Tablet, sondern auch das dazugehörige, auf ARM basierende Betriebssystem Windows RT auf den Markt gebracht.

Ende Januar 2015 war das Projekt, das sowohl das Surface RT als auch den Nachfolger Surface 2 und das Betriebssystem Windows RT umfasste, allerdings bereits wieder Geschichte. Bekanntlich war das Projekt nämlich nicht von Erfolg gekrönt.

Surface RT ist tot, lang lebe Surface

Erwähnenswert ist jedoch, dass die spätere Surface-Entwicklung mit Windows 8 und späteren Versionen Microsoft immerhin den „lockeren” Einstieg in das Hardware-Geschäft ermöglichte und bis heute eine gewinnbringende Sparte für das Unternehmen darstellt, wenngleich das Business seit dem Abgang von Panos Panay nicht mehr „proaktiv” geführt wird und eher auf einfachere Hardware-Upgrades setzt.

Microsoft musste infolge der Einstellung damals eine gewaltige Abschreibung von fast einer Milliarde US-Dollar für den Ladenhüter durchführen, was sich stark auf die Jahresbilanz auswirkte. Solche Geschäftsprozesse und Entscheidungen erfolgen nicht kurzfristig, sondern sind eine Kette von Ereignissen, die typischerweise etliche Meetings und E-Mail-Verkehr bedeuten – welche für Personen außerhalb des Konzerns in der Regel nicht einsehbar sind.

Surface RT hat Microsoft-Manager in Panik versetzt

In den sogenannten Epstein-Akten tauchen nun mehrere eMails auf, die überraschende Einblicke und Details in das Projekt von Microsoft gewähren. So holte sich Steven Sinofsky, seinerzeitiger Geschäftsleiter der Windows Division, Ratschläge, Tipps und Tricks sowie allgemeine Informationen zum Surface-Geschäft bei Jeffrey Epstein ein.

Sinofsky forderte beispielsweise die sofortige Ausweitung der Verfügbarkeit des Surface RT auf weitere Märkte und Einzelhändler und kämpfte gegen die Strategie, das Gerät ausschließlich über Microsoft zu verkaufen.

Grund dafür war die enorme Überproduktion des Surface RT und die weitaus geringeren Vorbestellungen für das Gerät als erwartet. An einer Stelle wird das Geschäft mit dem „Zune” verglichen, einem von Microsoft entwickelten MP3-Player, der in Konkurrenz zum iPod von Apple stand, aber nach knapp sechs Jahren ebenso eingestellt wurde.

Weitere Ausschnitte aus dem E-Mail-Verkehr zeigen sehr deutlich, dass sich die Führungspositionen um Steve Ballmer, Kevin Turner und Steven Sinofsky um das Surface-Projekt Sorgen machen. Sie lassen sich verschiedene Marketingoptionen offen und bemängeln, dass das Gerät zu indirekt präsentiert wird. Dies wurde zur damaligen Zeit von der Medienszene stark kritisiert (maschinell übersetzt):

Zusätzlich stehen wir vor der Verwirrung, die darüber entstanden ist, ob wir uns zu Surface bekennen oder ob es sich um ein Boutique-Produkt handelt, das dazu gedacht ist, „OEMs anzuschieben“. Das gesamte Projekt wird als „Zune“ abgestempelt werden, und das wird ein breites Scheitern sein. Die Auswirkungen auf den Absatz 2013 werden erheblich sein, genau wie wir es bei Zune gesehen haben – die Partner werden es nicht führen, die Margen werden erodieren, und ziemlich bald befinden wir uns im RIM-Playbook-Territorium.

Wir müssen im Blick behalten, wie die Apple-freundliche Presse diese niedrigen Zahlen verstärken wird und wie die OEMs dies zusätzlich nutzen werden. Ich ringe wirklich damit, wie wir da durchkommen sollen. Die Geschichte ist da draußen bereits geschrieben und wartet nur darauf, erzählt zu werden.

Wir brauchen das 4-Fache des aktuellen Sell-through, um einen stabilen Zustand zu erreichen. Auf dem aktuellen Pfad werden wir auf 1 Mio. Einheiten Lagerbestand sitzen. Es ist unklar, mit welchem Plan wir diese jemals abbauen können. Wir können sagen, wir hätten falsch geplant, aber wir wussten, wie viel wir herstellen konnten, und ehrlich gesagt sind wir einfach zu optimistisch gewesen, wie viel wir online bewegen könnten.

Wir sind intern in einer schwierigen Lage, während wir die Dinge operationalisieren: Wenn es unterschiedliche Sichtweisen gibt, halten eine oder mehrere Personen die Möglichkeit hoch, OEMs zu verärgern. Aber wir sind weder konsistent in dem, was wir tun, noch darin, wie wir es tun, sodass dies nichts ist, was wir wirklich modellieren oder operationalisieren können. Von Anfang an waren wir in einer schwierigen Lage. Als wir Surface mit 499 $ bepreist haben, haben wir uns auf die Seite „unserer eigenen“ Interessen gestellt.

Wir haben alle in der vergangenen Woche eingekauft (ich war in Northgate und Southcenter), daher gehe ich davon aus, dass wir alle dieselbe Erfahrung gemacht haben: 8 von 10 PCs „tot“, kein Networking und schlecht geschulte Händler (ich habe einem Händler zugehört, der ein Windows-8-Phone-Szenario komplett erfunden hat). Das sieht für Surface wirklich schlecht aus, aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, was wir jemals erwarten können, wenn unser Plan nicht „Store-in-Store“ ist. Ja, das macht mich traurig und ist der Grund, warum wir auf unseren eigenen Einzelhandel gesetzt haben.

Die Farbwahl war ein bekannter Trade-off, weil wir aus Margen-, Wertversprechen- und Wettbewerbsgründen nicht ungebündelt verkaufen wollten. Während wir inzwischen genug über Farbmix und Attach wissen, würde jede Änderung daran (wie das Hinzufügen von Grün) die Komplexität erheblich erhöhen. Wir haben die Auswirkungen von Out-of-Stock beim blauen Cover gesehen. Wir kennen auch die Nachfrage nach dem 64-GB-Modell ohne Cover. Unsere Margenstruktur basiert auf 110 % Attach. Weniger als das ist problematisch. All dies war bekannt bei der Entscheidung für 499 $ ohne Cover. Das aktuelle Retail-Modell fokussiert auf Attach, ist aber eine riskante Margen-Wette, und Farb-Out-of-Stocks können ein echtes Problem sein.

Es ist ein kleines Ultrabook (in 2 von 3 Dimensionen und beim Gewicht). Es ist ein idealer PC für einen Windows-8-Entwickler oder für robuste industrielle Einsätze. Es ist nicht der ideale Studenten-PC (Akkulaufzeit) oder Knowledge-Worker-PC (Akkulaufzeit, Gewicht). Es ist unglaublich schön. Aber es ist kein Blockbuster. Unsere Chips liegen auf Surface RT.

Damit verbunden ist die Vorstellung von „Pro im Januar“. Ich denke, wir sollten die Erwartungen dämpfen. Dieses Produkt ist ein Nischenprodukt. Es kostet 1000 $ und ist nicht „das beste Tablet und der beste Laptop“. Es ist ein Convertible mit Kompromissen. Es führt x86-Software aus, tut dies aber bei einer Größe, einem Gewicht und einer Akkulaufzeit, die im Vergleich zur Welt der 7″-Tablets nicht gefallen werden.

Wir haben keinerlei Hinweise auf Qualitätsprobleme gesehen. Selbst Twitter schweigt zu Qualitätsproblemen. Der Ton der Produktreviews war anfangs positiv und wird zunehmend besser. Die 8-%-Zahl passt nicht zu den Daten, die wir haben, liegt aber selbst dann nahe an der modellierten Zahl von 6 %.

Was mich beunruhigt, ist, dass wir keinen Dialog über das materielle Problem führen. 1 Mio. Einheiten / 500 Mio. $ Lagerbestand zum 1.1. sind ein massives Problem, und das wächst um 250.000 Einheiten pro Woche. Es gibt nur zwei Wege, das zu beheben. Wir verkaufen zwischen jetzt und dem 1.1. mehr oder wir stoppen die Fertigungslinie. Wenn wir die Linie stoppen, ist das extrem teuer, da die Anlaufkosten hoch sind. Das ist schlicht Fertigungsmanagement. Selbst ein Verlangsamen bedeutet, Arbeiter zu entlassen. Wenn wir nicht mehr verkaufen, brauchen wir ein neues Gebäude, um den gesamten Lagerbestand unterzubringen. Das ist das eigentliche Thema.

Wir werden sehr bald auf einem sehr großen Lagerbestand sitzen, und es gibt keine reale Möglichkeit, dass der Absatz mit dem Bestandswachstum Schritt hält, es sei denn, wir stoppen die Fertigung – und die Implikationen davon sind erheblich. Dies ist ausdrücklich keine Aussage über unsere Stores und Pop-ups. Der Traffic ist verrückt. Wir halten den Traffic stabil und sind an den Grenzen der Verkaufsausführung pro Quadratmeter, gemessen an Traffic, Mitarbeitern und Zeit mit Kunden (alles unter der Annahme, dass der Traffic hält).

Was wollt ihr lernen? Welche anderen Daten können wir liefern? Surface steht kurz davor, auf sehr öffentliche Weise katastrophal zu scheitern. Wir wissen nicht, wie wir erklären sollen, dass wir 1/10 der Geräte verkaufen, selbst im Vergleich zur niedrigsten Untergrenze der niedrigsten Erwartung. Das wird sehr bald bekannt werden. Ohne das gibt es kein Langfristiges.

Das 19-seitige Dokument kann auf der offiziellen Website des „Department of Justice“ öffentlich eingesehen werden (Direktlink zur PDF-Datei). Meiner Meinung nach ist es eine durchaus interessante Lektüre – nicht nur für Personen, die das Projekt damals erlebt haben, sondern auch für alle, die sich für allgemeine Geschäftsprozesse interessieren.

Dass die Publikation im Zuge der Epstein-Affäre bekannt wurde und offenbar diverse hochrangige Microsoft-Mitarbeiter Kontakt mit Jeffrey Epstein hatten, ist selbstredend kein Ruhmesblatt. Dies muss mit aller Schärfe hinterfragt und offengelegt werden. Es muss auch hinterfragt werden, warum ein Microsoft-Manager bei Epstein Rat sucht, obwohl er im Unternehmen zumindest offiziell keine Stelle besetzt, und welche weiteren Kreise diese „unternehmerische Beziehung“ gezogen hat.


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  1. Robert 💎

    Sehr interessanter Hintergrundbericht, es ist schon erstaunlich, welche Verstrickungen es gibt. Sonst wird die Compliance immer so hoch gehalten, aber hinter verschlossenen Türen ist wilder Westen.

  2. Christian 🔆

    Dass die Publikation im Zuge der Epstein-Affäre bekannt wurde und offenbar diverse hochrangige Microsoft-Mitarbeiter Kontakt mit Jeffrey Epstein hatten, ist selbstredend kein Ruhmesblatt. Dies muss mit aller Schärfe hinterfragt und offengelegt werden. Es muss auch hinterfragt werden, warum ein Microsoft-Manager bei Epstein Rat sucht, obwohl er im Unternehmen zumindest offiziell keine Stelle besetzt, und welche weiteren Kreise diese „unternehmerische Beziehung“ gezogen hat.

    Man kann auch einfach mal die Kirche im Dorf lassen. Es ist auf schärfste zu Verurteilen was dort passiert ist, keine Frage.

    Aber mal sollte/darf auch nicht nur das kleinste Mittagessen mit Epstein, zu mehr machen als es ist.

    1. Robert 💎

      Hast du den Beitrag überhaupt gelesen und verstanden? 😵‍💫

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