Die SCHUFA hat ein neues Scoring-System eingeführt. Es ersetzt die bisherigen Scores und basiert auf zwölf „neuen“ Kriterien. Dadurch kann es durchaus passieren, dass bisher hervorragende Scores deutlich schlechter ausfallen.
Die SCHUFA Holding AG hat ihr Bewertungssystem für die Kreditwürdigkeit von Verbrauchern grundlegend überarbeitet. Der neue SCHUFA-Score löst laut Unternehmensangaben den bisherigen Basisscore sowie sechs branchenspezifische Scores ab und gilt nun einheitlich für Banken, Sparkassen, Genossenschaftsbanken, Telekommunikation, Handel sowie Versand- und E-Commerce.
Das Ergebnis ist ein Punktwert zwischen 100 und 999, der sich aus zwölf definierten Kriterien zusammensetzt, die unterschiedlich stark gewichtet sind.
Das neue System soll laut SCHUFA mehr Transparenz bieten, da jedes Kriterium mit einer festen Punktzahl versehen ist und die Berechnung des eigenen Scores damit grundsätzlich nachvollzogen werden kann.
Zu den Faktoren gehören unter anderem das Zahlungsverhalten, das Alter von Bank- und Kreditkartenverträgen, die aktuelle Wohnadresse, aufgenommene Ratenkredite sowie das Vorliegen eines Immobilienkredits.
Offene Zahlungsstörungen führen dazu, dass kein Score berechnet wird. Erledigte Zahlungsstörungen wirken sich laut Unternehmensangaben noch bis zu drei Jahre nach Begleichung negativ aus.
Fünf Score-Klassen und ihre Bedeutung für die Kreditvergabe
Der neue Score wird in fünf Klassen eingeteilt: Hervorragend (776 bis 999 Punkte), Gut (709 bis 775 Punkte), Akzeptabel (642 bis 708 Punkte), Ausreichend (100 bis 641 Punkte) und Kein Score. Abgerufen werden kann der Score über ein Onlineportal.
Nach Angaben der SCHUFA befinden sich derzeit rund 62 Prozent der bewerteten Personen in der höchsten Klasse, etwa 20 Prozent in der Klasse Gut und rund 8 Prozent in der Klasse Akzeptabel. Ebenfalls rund 8 Prozent der Personen in Deutschland haben demnach aktuell offene Zahlungsstörungen und erhalten keinen Score.
Alle zwölf Kriterien im Überblick:
- Zahlungsstörungen: keine Zahlungsstörung bis zu 264 Punkte, bei offenen Störungen kein Score
- Alter des ältesten Bankvertrags: bis zu 69 Punkte nach 20 oder mehr Jahren
- Alter der ältesten Kreditkarte: bis zu 81 Punkte ab 15 Jahren
- Alter der aktuellen Adresse: bis zu 94 Punkte ab 20 Jahren
- Alter des jüngsten Rahmenkredits: bis zu 36 Punkte ab zwei Jahren, kein Rahmenkredit bringt 36 Punkte
- Anzahl Anfragen und Abschlüsse für Girokonten und Kreditkarten in den vergangenen 12 Monaten: bis zu 117 Punkte bei keiner Anfrage, bei drei oder mehr Abschlüssen null Punkte
- Anzahl Anfragen außerhalb des Bankenbereichs in den vergangenen 12 Monaten: bis zu 99 Punkte bei keiner oder einer Anfrage, bei mehr als drei Anfragen null Punkte
- Aufgenommene Ratenkredite in den vergangenen 12 Monaten: bis zu 66 Punkte bei keinem Kredit, ab drei Krediten null Punkte
- Längste Restlaufzeit aller Ratenkredite: bis zu 61 Punkte bei keinem oder kurzem Ratenkredit, ab sechs Jahren Restlaufzeit null Punkte
- Kreditstatus Ratenkredit: 19 Punkte bei positiv erledigtem Kredit, null Punkte bei offenem oder negativ erledigtem Kredit
- Immobilienkredit: 55 Punkte bei vorhandenem Immobilienkredit, ohne Immobilienkredit null Punkte
- Vorliegen einer Identitätsprüfung: 38 Punkte bei erfolgter Prüfung, ohne Prüfung null Punkte
Auffällig ist laut der veröffentlichten Kriterienliste, dass bestimmte Merkmale wie ein vorhandener Immobilienkredit oder eine langjährige Kreditkartenhistorie vergleichsweise stark ins Gewicht fallen, während Personen ohne entsprechende Vertragshistorie strukturell niedrigere Ausgangswerte erzielen.
Die SCHUFA weist darauf hin, dass die Kreditentscheidung selbst stets bei den anfragenden Unternehmen liegt und diese neben dem Score weitere Faktoren wie das verfügbare Einkommen berücksichtigen.
Ein System, das Biografie mit Bonität verwechselt
Ich halte die neu geschaffene Transparenz durch die veröffentlichten Punktwerte zwar für einen überfälligen Schritt, doch bei näherer Betrachtung der Gewichtung drängt sich mir ein grundsätzliches Problem auf: Das System bevorzugt strukturell Menschen, die bereits wohlhabend sind oder es waren.
Besitzer eines Immobilienkredits erhalten 55 Punkte, Mieter hingegen gehen leer aus. Hier drängt sich unweigerlich der Gedanke auf, dass dem eine gewisse Logik zugrunde liegt, die so viele Faktoren nicht berücksichtigt, dass diese Wertung kaum haltbar ist.
Wer seit Jahrzehnten dieselbe Kreditkarte hält, wird belohnt und wer jung ist und diese Geschichte schlicht noch nicht vorweisen kann, wird dafür bestraft. Wer keine langjährige Bankvertragshistorie hat, etwa weil er lange im Ausland lebte, spät ins Berufsleben startete oder schlicht andere Lebensumstände hatte, startet mit einem strukturellen Nachteil, den er kaum kurzfristig aufholen kann.
Der neue Score mag transparenter sein als sein Vorgänger, er macht jedoch das zugrundeliegende Prinzip nun umso klarer sichtbar: Bonität wird nicht daran gemessen, ob jemand heute zuverlässig zahlt, sondern daran, ob er gestern bereits die richtigen Verträge hatte.
Das ist keine Messung von Kreditwürdigkeit, das ist die Messung von Biografie. Und genau deshalb hat die SCHUFA den zweifelhaften Ruf, den sie in weiten Teilen der Bevölkerung genießt, sich redlich verdient.
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