Polestar 3 (Test): Gutes Elektroauto mit einem kritischen Problem

Polestar tut sich seit Jahren schwer in der Branche und der Polestar 3 ist für mich ein Paradebeispiel, wie ich nach ein paar Tagen im Alltag wieder gemerkt habe. Es ist ein grundsolides Elektroauto, aber ich habe leider ein großes Problem damit.

Das betrifft allerdings nicht unbedingt die Technik oder das Auto selbst. Es gibt bis zu 680 PS, mehr als genug Leistung für einen SUV, es gibt ein hervorragendes Fahrwerk, das Auto bietet viel Platz, es ist toll verarbeitet und lädt (350 kW) zügig.

Klar, es gibt Schwächen, wie zu viel Klavierlack im Innenraum, ein eher schwaches Fahrerdisplay, was nicht mehr so schön wie beim Polestar 2 ist und etwas zu viel Touch für Bedienelemente, auf die man schneller und sicherer zugreifen sollte.

Polestar hat den 3er technisch aufpoliert, aber ein altes Problem bleibt: Die Marke hat keine klare Zielgruppe. Der einstige Tesla-Jäger von Geely sieht sich eher als Alternative für Porsche und ein Polestar 3 kostet auch ganz schnell sechsstellig.

Doch das sehe ich weniger, womit wir direkt einsteigen. Der Polestar 3 ist ein tolles Auto, perfekt für meine vierköpfige Familie. Fährt sich angenehm weich, hat Platz, gute Software, es passt vieles. Außer eben der Preis, es geht bei 80.000 Euro los.

Schauen wir uns also mal mögliche Zielgruppen an:

  • Familien: Ja, machbar, wenn man viel Geld hat. Wenn nicht, dann gibt es viel Auswahl, alleine ein Tesla Model Y Performance mit voller Hütte kostet weniger als die Basis des Polestar 3. Gut, hat kein 800 Volt, aber ob das so viel Geld wert ist? Vermutlich nicht. Und dann wäre da noch Konkurrenz aus dem eigenen Haus, wie der Volvo EX60, der deutlich günstiger ist. Und der eine neuere Plattform nutzt, denn Volvo darf bereits mit SPA3 ausliefern, Polestar aber nur mit SPA2.
  • Technik: Womit wir zum nächsten Punkt kommen, denn technisch hebt sich Polestar auch nicht ab. Der EX60 ist günstiger und besser und auch Modelle wie ein Q6 von Audi oder iX3 von BMW, wenn auch teilweise etwas kompakter (aber mit nicht viel weniger Platz) übertreffen den 3er. 600 km Reichweite zeigte mir meine Version auf dem Datenblatt an, 200 km weniger als ein iX3. Und der hohe Verbrauch bei Geely bleibt, das sind eher 400 bis 500 km. In der Klasse eines Model Y vollkommen ausreichend, aber nicht im gehobenen Premiumsegment. Gut, Porsche ist auch nicht besser, könnte man jetzt sagen.
  • Performance: Womit wir beim nächsten Punkt wären, denn Polestar will als alte Performance-Marke von Volvo logischerweise Kunden von Porsche, der Performance-Marke im VW-Konzern, weglocken. Doch der Polestar 3 fährt sich auch als Performance, den ich hier hatte, mit Performance-Modus, zu weich. Leistung ist genug vorhanden, aber er fährt sich wie ein Familien-SUV. Und Dinge wie ein künstlicher Fahrsound, den man optional einschalten kann und den nun mal viele mögen, gibt es auch nicht.

Ich habe mich also, als der Polestar 3 abgeholt wurde, gefragt, für wen dieses Auto eigentlich gedacht ist. Im Premiumsegment ist die Konkurrenz extrem stark und da sind Kunden auch sehr Markentreu. Polestar ist eine Marke, die man kennt, aber seien wir mal ehrlich, das ist kein Porsche. Preislich ist man aber nicht weit entfernt.

Wer eine sechsstellige Summe für ein Auto ausgeben kann/will, den werden 10.000 bis 20.000 Euro mehr für einen Porsche auch nicht stören. Und wer auf den Preis achtet, der bekommt vielleicht einen Hauch weniger Technik oder Leistung, aber viele SUVs, die deutlich günstiger sind. Und dann wäre noch die eigene Konkurrenz.

Der Volvo EX60 ist deutlich besser als Familienauto positioniert und eben auch ein bisschen günstiger und technisch besser und moderner. Ein EX60 mit quasi voller Hütte kostet so viel wie ein P3 in der Basis. Mit der Leistung des P3 in der Top-Version und 200 km mehr Reichweite. Wer denkt da über einen Polestar nach?

Da muss man schon ein Fan der Marke sein oder unbedingt ein teures Elektroauto suchen, welches sich abhebt, denn das tut der Polestar 3. Wobei er eben, und das mag ich an der Marke, nicht zu auffällig ist. Ein Polestar 3 ist also auch kein, und auch diese Zielgruppe fällt quasi weg, Auto, mit dem man groß „angeben“ kann.

Schwierig, um es mal freundlich auszudrücken, denn mir hat der Polestar 3 in den paar Tagen im Alltag sehr viel Spaß gemacht. Aber Geely glaubt wohl auch nicht so richtig an den Erfolg, sonst hätte man mit dem neuen Modelljahr viel mehr bieten müssen, auch die neue Basis (SPA3), damit der hohe Preis noch akzeptabel wirkt.

Polestar hatte in den letzten 12 Monaten keinen Monat, in dem es mehr als 50 Zulassungen des Polestar 3 in Deutschland (einem Kernmarkt der Marke) gab. Und von den 271 Zulassungen sind sicher auch viele intern zugelassen worden. Ob das neue Modelljahr das ändern wird? Ich habe da ehrlich gesagt sehr große Zweifel.

Polestar fehlt eine „Identität“. Das Familiensegment deckt Volvo ab, die jetzt auch technisch führend bei der neuen Plattform sind. Und bei Performance hebt sich Polestar auch nicht ab, im Gegenteil, der SUV ist viel zu bequem und es kommt kein „Spaß“ auf. Als Familien-SUV optimal, sogar perfekt, aber nicht als „Sportwagen“.

Ob das neue Design und der neue Chef etwas bei Polestar ändern werden? Man hat damals erkannt, dass man preislich nicht mit Tesla mithalten kann, wenn man noch Geld verdienen möchte. Wenn man sich aber wirklich im gehobenen Premiummarkt sieht, dann muss man mehr bieten, denn man ist keine bekannte „Legacy Marke“.

Also, gutes Auto, aber technisch in dieser Preisklasse nicht ganz oben und mit zu viel Konkurrenz im Umfeld. Wer zu viel Geld hat und den Polestar 3 einfach mal ein paar Jahre leasen möchte, der wird sicher zufrieden sein. Doch die Zielgruppe, die das macht, ist klein. Und laut Zulassungszahlen ist sie vielleicht sogar zu klein.


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  1. Wastl 👋

    Servus, aus meiner Erfahrung her ist die Zielgruppe von Polestar recht klar definiert – Ärzte, Architekten, generell Berufsgruppen mit etwas mehr Geld als üblich, ohne den Bedarf nach „Aufhebens“ und tendenziell einer gewissen Bildung oder auch eingebildeten Designbildung. Teslakunden wirken im Vergleich eher „pöbelig“. Und auch von Porsche kann man sich etwas distanzieren – nicht technisch. Im Habitus.

  2. Felix 🔆

    In meinen Augen zu nah an der Zielgruppe von Tesla und die kaufen lieber direkt das viel günstigere Original. Porsche Käufer kaufen keinen Polestar.

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