Der Discounter Aldi klammert sich an ein Einfachheitsversprechen, das im Alltag längst niemand mehr ernsthaft glaubt.
Aldi verkauft uns seine App-Abstinenz als Tugend. Ein Preis für alle, keine Spielchen, keine Daten. Klingt erstmal sauber. Fast schon moralisch überlegen. Nur hat diese Haltung ein Problem. Sie ignoriert die Realität an der Kasse. Die gefällt auch mir nicht, aber sie existiert.
Während Aldi noch Prospekte druckt wie im letzten Jahrzehnt, spielt Lidl längst in einer anderen Liga. Ich nutze Lidl Plus inzwischen selbst. Nicht aus beruflicher Neugier, sondern weil es sich schlicht lohnt bzw. man ohne die App erheblich mehr bezahlt.
Einen wichtigen Vorteil kann man immerhin klar benennen: Ich bekomme Angebote, die zu meinem Einkaufsverhalten passen. Keine zufälligen Lockartikel, sondern Rabatte, die ich wirklich nutze.
Und genau hier wird es für Aldi unangenehm. Was bringt mir ein wöchentliches Angebotsfeuerwerk, wenn ich nur zehn Prozent davon nutzen kann? Quasi alle Basics sind preislich ohnehin austauschbar, also macht vor allem die Aktionsware den Unterschied.
Personalisierte Rabatte schlagen das alte Discount-Prinzip
Der Kunde von heute ist verwöhnt. Netflix schlägt Inhalte vor, Spotify kennt meinen Musikgeschmack, Onlineshops wissen längst, was ich morgen kaufen will. Aber im Supermarkt soll ich plötzlich wieder blättern und hoffen, dass ein Rabatt zu mir passt? Das fühlt sich rückständig an.
Wenn ich beispielsweise regelmäßig Biojoghurt kaufe, dann erwarte ich ein Angebot für genau diesen Joghurt. Lidl liefert das. Aldi kann das nicht. Punkt. Und mit dem neuen Punktesystem bei Lidl entscheide ich sogar aktiv mit, wofür ich Rabatte bekomme. Das ist nicht nur bequem, das ist schlicht besser.
In seiner aktuellen Werbung positioniert sich Aldi klar gegen das „ewige“ Sammeln von Punkten. Das entspricht natürlich nicht der Wahrheit, denn für das Sammeln der Punkte muss der Kunde quasi nichts tun. Das funktioniert genauso automatisch nebenbei wie bei jedem anderen Punkteprogramm.
ALDI-Werbung schießt gegen Punktesammeln
Aldi verzichtet dabei aber nicht nur auf Rabatte. Aldi verzichtet auf Wissen. Auf Daten. Auf die direkte Beziehung zum Kunden. In einer Branche, in der vermutlich genau das über die Zukunft entscheidet.
Einfachheit ist kein Argument mehr
Natürlich kann man sagen, dass nicht jeder Kunde Lust auf Apps hat. Stimmt. Das geht mir auch so. Aber die entscheidende Frage ist doch eine andere. Für wen baut man sein Geschäftsmodell? Für den kleinsten gemeinsamen Nenner oder für die Realität eines digitalisierten Alltags?
Aldi redet sich seine Strategie schön. Laut Unternehmenslogik steht Einfachheit über allem. In Wahrheit verzichtet man auf Möglichkeiten, die der Wettbewerb längst nutzt. Und das wird irgendwann nicht mehr nur ein Imageproblem, sondern ein handfester Nachteil.
Ich halte das für eine verpasste Chance. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus ganz praktischen. Denn am Ende zählt für die meisten Kunden nur eines. Was bleibt auf dem Kassenbon übrig? Und aktuell gewinnt da nicht der Discounter ohne App, sondern der mit dem besseren System.
Jetzt mal ehrlich: Nutzt ihr noch Prospekte, oder sagen euch die Features der Bonus-Apps mehr zu?
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