LTE: Ausbau, Tarife und Nutzen der neuen Mobilfunkgeneration

[Gastbeitrag] Über die neue Mobilfunktechnik LTE gibt es viele Vorurteile: die Tarife seien teuer, der Ausbau schlecht und die hohen Geschwindigkeiten weitestgehend unbrauchbar, von fehlender Telefonie-Funktionalität mal ganz abgesehen. Mit diesem Gastartikel möchte ich über den aktuellen LTE Ausbau, die Tarife der Netzbetreiber und vor allem über LTE im generellen informieren und so vielleicht das eine oder andere Vorurteil entkräften.

Wozu LTE, was bringt die neue Technik?

LTE wurde vor Allem auf Grund der stetig steigenden mobilen Datennutzung entwickelt. Die Technik bietet die Möglichkeit, deutlich mehr Menschen einen Zugang zu breitbandigen Internet-Diensten zu ermöglichen, als es mit UMTS oder gar GSM möglich wäre. In Deutschland erfüllt LTE aber seit Beginn an eine zweite, in meinen Augen noch deutlich wichtigere Aufgabe: mit den weit reichenden, ehemaligen TV-Frequenzen werden viele Gebiete auf dem Land erstmals mit Breitband erschlossen. Denn ob man es glauben will oder nicht: bis zur Einführung von LTE gab es noch Millionen Mitbürger, die auf schnelles Internet verzichten mussten. Doch nicht nur die Menschen, die auf dem Land wohnen, profitieren vom LTE Ausbau, auch bei der Fahrt über die Autobahn wird man die Vorteile von LTE schnell zu schätzen wissen, wenn anstatt „E“ ein „4G“ Symbol im Display steht.

Deutschland führend beim LTE-Ausbau in Europa

Dank der frühzeitigen Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen im April 2010 ist Deutschland Vorreiter in Sachen LTE. Nur in Schweden gab es noch früher kommerzielle LTE Dienste, während in vielen anderen Nachbarstaaten bis heute noch keine Auktion der wichtigen 800 MHz Frequenzen erfolgt ist. Apropos Frequenzen: in Deutschland werden – wie in den meisten anderen EU-Ländern auch – die Frequenzen um 800, 1800 und 2600 MHz für LTE genutzt. Generell gilt: je niedriger die Frequenz ist, umso besser eignet sie sich für die Versorgung der Fläche, da die Reichweite bei 800 MHz zum Beispiel deutlich weiter ist als bei 2600 MHz. Allerdings steht den Netzbetreibern in den begehrten, niedrigen Frequenzen nur ein sehr begrenztes Spektrum zur Verfügung. Das hatte zur Folge, dass E-Plus bei der Auktion der 800er Frequenzen leer ausgegangen ist.

LTE (auch 3.9G genannt) hat verschiedene Entwicklungsstufen, wie man es auch schon von HSDPA (3.5G) kennt. In der aktuell eingesetzten LTE Kategorie 3 sind Geschwindigkeiten von bis zu 100 Megabit/s im Download und bis zu 50 Megabit/s im Upload möglich. Diese Geschwindigkeiten setzen allerdings ein Mindestmaß an Frequenzspektrum voraus: im 800 MHz LTE Netz sind daher aktuell nur 50 MBit/s im Download erreichbar, da dort nur 2x 10 MHz je Netzbetreiber zur Verfügung stehen. LTE der Kategorie 4 bzw. 5 bietet übrigens Datenraten von bis zu 300 MBit/s, bevor LTE Advanced (4G) dann nochmals eine deutliche Verbesserung der Datenrate mit sich bringt.

Zum LTE Ausbau in Deutschland generell: Die bisher nicht mit Breitband versorgten „weißen Flecken“ auf dem Land sind seit Beginn des Ausbaus im Jahre 2010 fast vollständig geschlossen. Auf dem Land ist der LTE Ausbau also schon weit fortgeschritten und die Wahrscheinlichkeit, LTE zu empfangen, sehr hoch. Seit Mitte 2011 bauen Telekom, Vodafone und O2 verstärkt auch Städte mit LTE aus – mittlerweile dürften die meisten Großstädte zumindest von Vodafone und Telekom gut versorgt sein. Die Strategie beim Ausbau ist zwischen Telekom und Vodafone/O2 aber unterschiedlich: während O2 und Vodafone auf 800 MHz und 2600 MHz setzen, baut die Telekom in den Städten vorerst auf 1800 MHz aus (wobei später auch 800 MHz eingesetzt werden sollen). Der Vorteil der 1800 MHz Lösung liegt vor Allem darin, dass die Reichweite deutlich besser als bei 2600 MHz ist und trotzdem genügend Spektrum zur Verfügung steht, um sehr hohe Geschwindigkeiten von bis zu 100 MBit/s anzubieten – oder anders gesagt: das Telekom LTE1800 Netz wird in Zukunft weniger schnell überlastet sein als das LTE800 Netz von O2 oder Vodafone.

Die 800er Frequenzen setzen Vodafone und O2 zwangsweise in auch in der Stadt ein, da sie keine ausreichende Menge an 1800er Frequenzen besitzen. An besonders belebten Orten mit hohem Datenaufkommen wird die 2600 MHz Frequenz zusätzlich ausgebaut, um die Kapazität zu erhöhen. Dort sind die Reichweiten im Vergleich zu 800 MHz aber stark eingeschränkt und die Durchdringung von Gebäuden ist viel schlechter als etwa bei 1800 MHz.

Alles in Allem kann man sagen: Deutschland ist in Europa an der Spitze in Sachen LTE und der Ausbau geht so schnell wie bei noch keiner anderen Mobilfunktechnik davor. Das belegen auch die häufigen Klagen der Netzbetreiber, die schneller ausbauen als die Bundesnetzagentur genehmigen kann – ein riesiger Antragsstau ist die Folge, da jeder neue LTE Sender und jede Richtfunkstrecke genehmigt werden muss. Wer jetzt schnell die LTE Versorgung bei sich daheim überprüfen möchte, kann das auf den Netzabdeckungskarten von Telefonica O2, Deutsche Telekom und Vodafone machen.

Telefonie im LTE-Netz

Das LTE Netz ist ein Full-IP Netz und unterstützt im Gegensatz zu UMTS und GSM keine leitungsvermittelten Sprachdienste. Aktuell ist es daher so, dass LTE-Telefone für Telefonate in das UMTS oder GSM Netz wechseln, sofern verfügbar. Dazu wird das Circuit Switched Fallback Verfahren (kurz CSFB) genutzt. Das hat den Vorteil, dass das Telefon nicht in zwei Netzen gleichzeitig eingebucht sein muss, wie es zum Beispiel bei LTE-Smartphones des US-Netzbetreibers Verizon der Fall ist. Sobald ein Anruf eingeht, signalisiert das Netz dem Telefon, dass es in ein GSM/UMTS Netz wechseln soll, was binnen weniger Sekunden geschieht. Danach kann der Anruf wie gewohnt angenommen werden. Das gleiche Verfahren gilt auch für einen abgehenden Anruf – eventuelle Downloads oder laufende Datenverbindungen werden im Idealfall auch nicht unterbrochen, allerdings gibt es da je nach Netzbetreiber noch Optimierungsbedarf.

In Zukunft soll die Telefonie aber auch direkt im LTE Netz möglich sein, wobei die Netzbetreiber nicht vor Ende 2013 damit rechnen, VoLTE (Voice over LTE) Services kommerziell anbieten zu können. Die Schwierigkeit bei VoLTE liegt nicht etwa bei der Sprache im LTE Netz – Voice over IP gibt es ja schon länger. Das Problem stellt der nahtlose Übergang beim Technologiewechsel 4G/3G oder 4G/2G dar, der für den Kunden idealerweise unbemerkt passieren muss. Hier handelt es sich wie gesagt nicht nur um einen Wechsel der Netzgeneration, sondern auch um einen Wechsel aus einer Full-IP Verbindung in eine leitungsvermittelte Verbindung. Übrigens: bisher ist es noch unklar, ob die aktuell verkauften LTE-Sartphones jemals VoLTE beherrschen werden – die Netzbetreiber und Hersteller wollen dazu keine Aussage treffen.

LTE-Tarife bei Vodafone

Vodafone war der erste Anbieter in Deutschland, der 2010 LTE Dienste gestartet hat. Es werden diverse Tarife für die stationäre Nutzung als DSL-Ersatz angeboten. UMTS/GSM Nutzung ist mit diesen Tarifen und den dazu verkauften Routern aber nicht möglich. Die LTE Tarife für mobile Nutzung lassen sich in Datentarife und Sprachtarife aufspalten, wobei Datentarife generell und fast ohne Einschränkungen kostenlos auch für das LTE Netz freigeschaltet werden können. Etwaige Beschränkungen in der Geschwindigkeit oder im Datenvolumen bleiben natürlich bestehen, aber wenn man auf dem Land nur die Wahl zwischen EDGE und LTE hat, dann lohnt sich die Anschaffung eines LTE-Surfsticks auch ohne neuen Vertrag.

Die Sprachtarife sind nicht automatisch auch im LTE Netz nutzbar, sondern benötigen eine spezielle LTE Option. Diese kostet 10 Euro im Monat Aufpreis und ist für Bestandskunden in den SuperFlat Internet Tarifen buchbar. Neukunden können LTE nur in einem der RED-Tarife nutzen, wobei die Option in den Tarifen RED L und RED Premium kostenlos enthalten ist. In den Tarifen RED S und RED M ist LTE in den ersten 12 Monaten kostenlos, sofern ein LTE-Smartphone bei Vertragsabschluss erworben wird. Die LTE Option ermöglicht generell eine Geschwindigkeit von maximal 100 MBit/s im Download, außerdem wird zusätzliches Datenvolumen hinzugefügt (auf Wunsch lässt sich aber auch zusätzliches Volumen erwerben, wenn gedrosselt wurde).

LTE-Tarife der Deutschen Telekom

Die Telekom fährt eine ganz andere Strategie als Vodafone: hier ist das LTE Netz generell mit allen Vertragskarten nutzbar, egal ob eine Datenflat aufgebucht ist und egal wie alt der Tarif ist. Das gilt auch für Discounter im Telekom Netz. Prepaid-Karten werden erst 2013 für das LTE Netz freigeschaltet. Wie auch bei den Vodafone Datentarifen gilt aber: Beschränkungen in der Geschwindigkeit oder dem Volumen gelten auch im LTE Netz. Wer die volle Geschwindigkeit nutzen will, kann in den Complete Mobil Tarifen eine LTE-Option buchen. Diese kostet 10 Euro und erhöht die Geschwindigkeit auf 100 MBit/s im Download, außerdem wird das im Tarif enthaltene Volumen verdoppelt. Benötigt man nur mehr Volumen und keine höhere Geschwindigkeit, sollte man aber lieber „SpeedOn“ buchen, sobald man gedrosselt wurde. Hier zahlt man nur 4,95€ und bekommt ebenfalls die gleiche Datenmenge nochmal hinzugebucht.

LTE-Tarife von O2 & LTE vom Discounter

O2 Kunden haben aktuell nur selten LTE Empfang und leider ist das Netz auch nicht mit allen Simkarten zugänglich. Wie auch bei Vodafone benötigt man einen speziellen Sprachtarif für das LTE Smartphone, die neue Mobilfunktechnik kostet also einen Aufpreis. Anders sieht es bei den O2 go Datentarifen aus: LTE ist hier kostenlos enthalten.

Was viele nicht wissen, da es offiziell nicht beworben wird: auch einige Discounter Tarife lassen sich mit LTE nutzen. Darunter zum Beispiel sämtliche Postpaid Tarife von Congstar (Telekom Netz) und die Datentarife von 1&1, McSIM und co. (Vodafone Netz) . Erfahrungen von Nutzern dieser Tarife findet man in einschlägigen Foren im Netz.

Alle LTE Tarife haben übrigens eines gemeinsam: sie werden nach einem bestimmten Volumen gedrosselt. Das wird auch in Zukunft so bleiben, auch wenn die Volumina sicher steigen werden. Das Problem ist, dass LTE ein Shared Medium ist und die Kapazität begrenzt ist – wie bei allen anderen Funktechniken auch.

Fazit

LTE ist oft günstiger, als man vielleicht auf den ersten Blick meint und der Ausbau ist vielerorts besser, als häufig behauptet wird. Besonders auf dem Land wird der Vorteil von LTE schnell sichtbar: anstatt langsamer EDGE Verbindung hat man nun pfeilschnelles Breitband-Internet per LTE. In der Stadt ist LTE dank schneller (DC-)HSPA+ Netze nicht ganz so wichtig, aber wer schon mal in einem vollen Fußballstadion versucht hat, ein Bild per UMTS zu versenden, wird LTE auch hier schnell lieben lernen.

Über den Autor: Max Planken. Seit 2003 beschäftige ich mich mit der Mobilfunkbranche und der Entwicklung der verschiedenen Funktechniken. Nach der Mitarbeit im Online-Bereich von diversen Magazinen wie etwa connect und getmobile habe ich im Januar 2010 meine eigene Webseite maxwireless.de gestartet, auf der ich News und Tests zu UMTS & LTE Hardware veröffentliche.

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