Polestar 2 im kurzen Test: Konkurrenz für Tesla?

Polestar 2 Industrie Header

Ich konnte mir den neuen Polestar 2 diese Woche kurz anschauen und bevor wir zu einem Alltagstest kommen, will ich euch ein erstes Fazit liefern.

Volvo gab vor ein paar Jahren bekannt, dass man die Untermarke Polestar nutzen und sie zur rein elektrischen Marke umbauen möchte. Man machte auch kein Geheimnis daraus, dass man sich am Portfolio von Tesla orientieren wird.

Doch der Polestar 1 war nur ein erster Gehversuch und da es sich um einen teuren Hybrid-Sportwagen handelt, ist es keine Konkurrenz für das Model S. Doch Volvo schickt ab 2020 den Polestar 2 ins Rennen, mit dem man das bisher erfolgreichste Modell von Tesla angreift: Das Model 3. Ab August wird ausgeliefert.

Polestar 2 Seite

Der Polestar 2 wurde Anfang 2019 vorgestellt und ist optisch durchaus nah an Volvo angelehnt. Polestar will nun unabhängiger werden, doch das wird dauern. Produziert wird der Polestar 2 in China und in Partnerschaft mit Geely.

Aktuell gibt es nur eine Version vom Polestar 2 und bei der Auswahl der Farben und Extras gibt es ebenfalls kaum Möglichkeiten. Das Portfolio soll schmal gehalten werden, daher bietet das Performance-Upgrade auch keine Unterschiede bei der Leistung oder Reichweite (es ist eigentlich nur ein optisches Paket).

Polestar 2 Farben

Polestar 2: Die Eckdaten

  • Hersteller: Polestar
  • Modell: 2
  • Preis: ab 53.540 Euro
  • Verfügbar: ab August 2020
  • Größe: 4,6 x 1,48 x 1,98 m
  • Gewicht: 2123 kg
  • Akku: 78 kWh
  • Reichweite: 470 km (WLTP)
  • Leistung: 408 PS (Dual-Motor)
  • Drehmoment: 660 Nm
  • 0-100 km/h: 4,7 Sekunden
  • Betriebssystem: Android Automotive

Das sind nicht alle Spezifikationen vom Polestar 2. Auf der offiziellen Webseite von Polestar bekommt ihr weitere Informationen zum neuen Elektroauto.

Polestar 2: Test als Video

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Polestar 2: Verarbeitung und Haptik

Als ich das Model 3 knapp einen Monat gefahren bin, da habe ich hier und da gemerkt, warum die Verarbeitung immer mal wieder kritisiert wird. Sie war nicht so schlecht, wie man das gerne mal liest, aber das hängt auch vom Modell ab.

Beim Polestar 2 konnte ich sowas nicht feststellen. Alles fühlt sich hochwertig und gut verarbeitet an. Der Kofferraum ist elektrisch, man kann ihn mit dem Fuß öffnen, selbst bei 150+ km/h ist es nicht laut im Innenraum und die Verarbeitung dort ist einwandfrei. Pressemodelle werden aber sicher auch vorher genau gecheckt.

Polestar 2 Black Header

Über das Design kann man streiten, mit gefällt die Designsprache von Volvo und Polestar, wobei der Polestar 2 ein bisschen aggressiver daher kommt. Man merkt, dass er für den Alltag konzipiert wurde, aber auch sportlich sein möchte.

Alle Elemente rund um das Lenkrad fühlen sich gut und hochwertig an und ich hatte mit 1,90 m genug Platz beim Fahren. Nur die Tasten vom Lenkrad haben mir nicht so gut gefallen, da glänzendes Plastik nicht so hochwertig aussieht. Die Druckpunkte sind gut, eine matte Fläche fände ich aber besser.

Polestar 2: Die erste Fahrt

Der Polestar 2 fährt sich sehr sportlich, was einen bei 660 Nm mit über 400 PS und zwei Elektromotoren sicher nicht wundern wird. Das ist nicht ganz das Level vom Model 3 Performance, der Polestar 2 tritt damit gegen das Model 3 in der Long Range-Version an, die ebenfalls mit knapp 400 PS daher kommt.

Polestar 2 Fahrt Elektro Auto Header

Ich bin mit dem Polestar 2 eine Weile durch Köln und dann eine Weile außerhalb von Köln gefahren und habe Stadt, Autobahn und Landstraße mitgenommen. In allen Szenarien machte er einen guten Eindruck, vor allem natürlich auf der Autobahn beim Beschleunigen, da steckt viel Power dahinter.

Was mir aufgefallen ist: Es gibt keine Fahrmodi. Man kann zwar noch ein paar Dinge optimieren und sportliches Fahren aktivieren, aber es fehlt sowas wie ein Eco-Modus, den man oft bei Elektroautos für maximale Reichweite findet.

Polestar 2 Tunnel Front

Die Rekuperation ist ordentlich und man kann auch das von Elektroautos bekannte One-Pedal-Driving nutzen. Das bremst aber stark herunter, wenn man vom Pedal geht, da muss man sich erst daran gewöhnen. Ich habe es auf die mittlere Stufe gestellt und fand das für die Testfahrt angenehmer. Es gibt drei Stufen und man kann auf Wunsch auch das vom Benziner bekannte „gleiten“ aktivieren.

Polestar 2 Tunnel Back

Grundsätzlich hat der Polestar 2 in den Stunden, in denen ich ihn gefahren bin, einen guten Eindruck gemacht. Er liegt gut auf der Straße, er liegt gut in den Kurven, da der Schwerpunkt sehr tief liegt und man merkt nicht, dass man ein Auto mit über 2 Tonnen durch die Straßen bewegt, da viel Power vorhanden ist.

Polestar bietet aktuell aber nur eine Version an, es gibt nur eine Akkugröße und nur den Dual-Motor. Ich könnte mir gut vorstellen, dass da in Zukunft vielleicht noch günstigere Versionen folgen werden. Bestätigt wurde das aber nicht.

Polestar 2: Android Automotive

Auf dem Event lag der Fokus darauf, dass der Polestar 2 das erste Auto mit Android Automotive ist. Selbst der erste Werbeclip ist dem Google Assistant gewidmet. Google und Polestar werben gemeinsam für dieses Auto.

Polestar 2 Infotainment

Das OS machte im ersten Test einen sehr guten Eindruck. Alles ist schnell und reagiert super flüssig. Wer schonmal bei einem Navi von Volkswagen eine Pinch-to-zoom-Bewegung gemacht hat, der weiß, wovon ich spreche. Hier gibt es Google Maps und das ist so flüssig wie bei einem Smartphone.

Polestar hat sich für ein Display hinter dem Lenkrad entschieden, was ich sehr praktisch finde und welches auf Wunsch die Navigation von Google Maps bei der Fahrt anzeigt. Das große Display in der Mitte wirkt wie ein Tablet und verfügt über eine native Version von Android Auto. Das heißt: Es gibt auch Apps.

Polestar 2 Display

Man kann also nicht nur die Elemente vom Fahrzeug einstellen, sondern das OS auch mit Apps erweitern. Meiner Meinung nach der größte Vorteil, denn man muss kein Firmware-Update wie bei Tesla durchlaufen lassen, um eine neue Podcast-App zu testen. Und: Es gibt die Option für eine solche App (Pocket Casts).

Der Katalog bietet zwar alle für mich wichtigen Dienste, ist aber ehrlich gesagt noch etwas leer. Doch der Google Play Store wird sicher bald gut gefüllt sein, denn die Entwickler müssen einfach nur ihre App von Android Auto für Android Automotive anpassen. Und wie ich gehört habe, ist das ziemlich leicht.

Polestar 2 Android Auto Header

Polestar setzt natürlich auch ganz stark auf Touch, doch eigentlich kann man so ziemlich alles mit dem Google Assistant regeln. Der kann die Dinge, die man von Google kennt, und eben noch ein paar Extras vom Polestar 2 steuern.

Der Google Assistant hat mich sehr gut verstanden und war verdammt schnell. So einen schnellen Sprachassistenten habe ich bisher noch nicht im Auto getestet.

Polestar 2 Mittelkonsole

Polestar legt den Fokus ziemlich stark auf das OS von Google und ich war doch erstaunt, wie gut das alles läuft. Google hat bisher noch nie ein Serienfahrzeug gebaut, aber dennoch eine flüssigere Oberfläche als die meisten Autohersteller entwickelt. Die müssen wirklich Druck machen, um da aufzuholen.

Doch ein Problem werden Mercedes-Benz, Volkswagen und Co. vermutlich immer haben: Support der Entwickler. Die Smartphones haben gezeigt, dass zwei große Plattformen das Rennen gemacht haben. Bei Autos wird das vermutlich nicht anders aussehen. Und Google hat den Vorteil, dass es schon sehr viele Apps für Android Auto gibt, die nun schnell angepasst werden können.

Polestar 2 Sonstiges

So gut mir Android Automotive auch gefällt, ich nutze aktuell ein iPhone und es gibt kein CarPlay. Apple CarPlay soll bis Mitte 2021 als kabellose Version kommen, aber aktuell kann man ein iPhone nur via Bluetooth verbinden. Es gibt zwar alle für mich wichtigen Apps, aber für mich ist das auch ein großer Nachteil.

Ich diktiere Siri im Auto gerne mal eine Nachricht über iMessage oder antworte damit auf eine Nachricht von WhatsApp. Das geht mit dem Polestar 2 nicht. Es liegt übrigens an Apple, dass CarPlay zum Start nicht verfügbar sein wird.

Unter dem Display gibt es eine Ablagefläche für das Smartphone, die Qi bietet und daneben sind zwei USB-C-Anschlüsse. Ich hätte mir die USB-Anschlüsse eher an anderer Stelle gewünscht und eine zweite Qi-Ablage (Beifahrer) gewünscht.

Polestar 2 Charging

Der digitale Schlüssel (über die App) kommt erst später und wird zum Start nicht verfügbar sein. Pläne für den Apple CarKey (oder allgemein den Standard) gibt es nicht. Polestar bietet die App aber auch für Android und iOS an.

Die Fahrassistenzsysteme haben einen sehr guten Eindruck gemacht, ich habe sie aber nicht so intensiv genutzt, da ich in dieser kurzen Zeit lieber fahren wollte. Was ich mir vielleicht noch bei dieser Preisklasse gewünscht hätte: Ein induktives Lenkrad, welches erkennt, dass man eine Hand am Lenkrad hält. So muss man beim pilotierten Fahren immer mal wieder das Lenkrad bewegen.

Polestar 2: Mein erstes Fazit

Der Polestar 2 wird gerne als Konkurrenz für das Tesla Model 3 bezeichnet. Und das stimmt auch. Machen wir uns nichts vor, das Model 3 ist etwas effizienter und das Supercharger-Netzwerk ist ein Vorteil, den Volvo nicht bieten kann.

Der Polestar 2 kommt auf 470 km Reichweite, das Model 3 auf 560 km. Das sind vermutlich so um die 50 km in der Realität. Das ist nicht wenig, macht bei dieser Reichweite aber vielleicht gar keinen so großen Unterschied im Alltag.

Polestar 2 Charger Header

Das Supercharger-Netzwerk und bis zu 250 kW am Supercharger sind da aber schon ein ganz anderes Argument. Wer daheim laden kann und die 400+ km nicht jeden Tag ausreizt, wird aber vermutlich auch damit gut leben können.

Bei der „Elektromobiltät“ hat Tesla die Nase vorne, doch bei der Verarbeitung ist der Polestar 2 eine komplett andere Liga. Bei der Verarbeitung und beim Luxus kann das Model 3 von Tesla meiner Meinung nach nicht mithalten.

Als Kunde muss man sich nun entscheiden, was einem wichtiger ist.

Doch also ich so über den Polestar 2 nachdachte und über die Autobahn fuhr, da ist mir etwas aufgefallen: Tesla muss sich vermutlich keine Sorgen machen.

Polestar 2 Fabrik Front

Der Polestar 2 ist das, was viele seit Jahren von der deutschen Autoindustrie fordern. Es ist das erste Premium-Elektroauto, welches auch Premium ist und eine Alternative für die C-Klasse, einen 3er BMW oder Audi A4 darstellt. Und keiner der deutschen Hersteller hat aktuell ein solches Elektroauto im Angebot.

Das Model 3 ist das weltweit am meisten verkaufte Elektroauto. Wenn man das nicht kaufen möchte, diese Art von Auto aber mag und sich bei der Konkurrenz umschaut, wird man abgesehen von großen SUVs absolut gar nichts finden.

Polestar 2 Fabrik

Der Polestar 2 könnte genau diese Lücke füllen und den Kunden eine Option bieten, die kein Tesla möchten, weil ihnen die Qualität in dieser Preisklasse nicht zusagt und weil es für über 40.000 Euro zu wenig Luxus im Auto gibt.

Volvo hat etwas gebaut, was ich mir schon längst von Mercedes-Benz, BMW oder Audi gewünscht hätte. Und die haben noch nichts dieser Art gezeigt, es wird also wohl noch einige Jahre dauern, bis der Polestar 2 und das Tesla Model 3 ernste Konkurrenz von deutschen Premiumherstellern bekommen.

Polestar 2 Top Front

Mein erstes Fazit: Tolles Auto, welches mich als Auto überzeugt hat. Beim OS hat man sich auf Google verlassen, was Volvo zwar in eine Abhängigkeit bringt und wo wir noch schauen müssen, wie es mit Updates aussieht, was auf mich in den ersten Stunden aber einen durchaus soliden Eindruck gemacht hat.

Und das mit den Apps und dem Android-Ökosystem könnte ein Vorteil werden, den in ein paar Jahren vielleicht keiner mehr aufholen kann. Wir haben es bei den Smartphones gesehen, hier könnte die Entwicklung nun ähnlich ablaufen.

Der Polestar 2 ist nicht das beste „Elektroauto“, wenn wir die rohen Daten nehmen. Da hat das Model 3 von Tesla die Nase vorne. Doch wenn man das Gesamtpaket betrachtet, dann muss ich sagen, dass es mir ein bisschen besser gefällt.


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